Category Archives: Gesundheit

Literaturrecherche Mobilfunk

19.08.2019

Da doch einige Behauptungen und Annahmen durch die Presse rauschen von wegen schädlich oder nicht schädlich vom Mobilfunk, habe ich mich dem Thema über die wissenschaftliche Literatur genähert. Hierfür habe ich die Veröffentlichungen von Januar-August 2019 herausgesucht und gelesen. Dabei habe ich sieben wissenschaftliche Veröffentlichungen gefunden die relevant wären und die ich hier kurz besprechen möchte.

Die erste Studie hat mich selber überrascht, es ist eine Studie aus Schweden bei der bei über 24.000 Menschen Kopfschmerzen, Tinnitus und Schwerhörigkeit in Bezug auf die Nutzung von Mobiltelefonen untersucht wurde (1).

Resultat der schwedischen Studie: Personen, die am häufigsten Mobiltelefone verwendeten, berichteten etwas häufiger über wöchentliche Kopfschmerzen als andere Benutzer. Dieser Befund verschwand jedoch nach Anpassung der Störfaktoren weitgehend und hing nicht mit der Anrufdauer bei GSM mit höheren HF-Frequenzen zusammen. Tinnitus und Hörverlust waren nicht mit der Anrufdauer verbunden.

In der zweiten Studie wurden die kognitive Fähigkeiten bei Kinder mit Handy untersucht (2).

Die Autoren sagen, dass frühere epidemiologische Studien zu gesundheitlichen Auswirkungen der Strahlenexposition von Mobiltelefonen zu inkonsistenten Ergebnissen geführt hätten.

Es wurden 619 Schüler zu Studienbeginn rekrutiert und Längsschnittdaten für 412 Schüler aus einer repräsentativen Stichprobe von 36 staatlichen, privaten und katholischen Schulen erhoben.

Es gab kaum Anhaltspunkte für einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Nutzung von Mobiltelefonen und der kognitiven Leistung von Schülern (2).

Eine dritte Studie bietet einen ganz guten Überblick über die elektromagnetische Felder in verschiedenen Umgebungen und erläutert diese (3).

Bei einer vierten Studie wird es wieder spannender, weil es geht um Tumore des Gehirns und der Speicheldrüse und Verwendung von Mobiltelefonen (4). Hier handelt es sich um eine sogenannte „Meta-Studie“. Die Veröffentlichung kombiniert eine Vielzahl von Studien in einer Zusammenschau. Hier die Ergebnisse der Studie:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die aktuellen Erkenntnisse aus allen verfügbaren Studien, einschließlich in-vitro-, in-vivo– und epidemiologischen Studien, keinen Zusammenhang zwischen dem Mobiltelefon Konsum und Tumoren erkennen lassen, die sich aus den am stärksten exponierten Organen und Geweben entwickeln. Angesichts des großen Forschungsaufwands zu diesem Thema ist davon auszugehen, dass potenziell nicht erkannte Risiken aus individueller Sicht gering sind und lange Latenzzeiten (> 15 Jahre), seltene Gehirntumorsubtypen und Mobiltelefon-Konsum im Kindesalter betreffen können. Um diesen geringen Risiken zu begegnen, ist eine qualitativ hochwertige Forschung mit genauer Expositionsabschätzung erforderlich, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Dauer des MP-Anrufs allein die HF-EMF-Exposition des Gehirns nicht angemessen widerspiegeln wird.

Bei der 5. Studie geht es auch wieder um Krebs, insbesondere um diverse Hirntumore (5).

In einer populationsbasierten ökologischen Studie wurden die Trends von Hirntumoren in den Zeiträumen 1982–1992, 1993–2002 und 2003–2013 untersucht. Die Schlussfolgerungen der australischen Wissenschaftler ergaben keine Zunahme von Gehirntumor-Histologietypen oder Gliomlokalisationen, die auf Mobiltelefone zurückgeführt werden können.

Dann in der 6. Studie ergaben sich dann doch Auswirkungen von Mobilfunkmasten neben Schulen auf die Konzentrationsfähigkeit von Schulkindern (6). Allerdings gibt der Autor – ein Professor Sultan Ayoub Meo von der King Saud Universität in Riad – zu, dass seine Statistik mangelhaft sei. Er belegt seine Aussagen dann aber mit einigen hochkarätigen Veröffentlichung unter anderem einer vom Max-Planck-Institut für neurologische Forschung (7).

Bei dieser 13-seitigen Veröffentlichung scheint es sich um sowas wie ein Standardwerk zu handeln. Es wird sowohl die Blut-Hirn Schranke genau behandelt wie auch alle anderen physiologischen und neurologischen Zusammenhänge. Ich will hier nur kurz die Schlussfolgerungen des Max-Planck-Institut für neurologische Forschung aus (7) zusammenfassen:

Gegenwärtig gibt es kaum Hinweise darauf, dass eine gepulste oder kontinuierliche Mikrowellenexposition bei Leistung und Frequenzen im Zusammenhang mit der Mobilkommunikation die Funktionsfähigkeit und strukturelle Integrität des Gehirns beeinträchtigen könnte. Unter experimentellen Bedingungen konnten die meisten der bisher gemeldeten positiven Ergebnisse auf thermische Effekte zurückgeführt werden. Es ist unwahrscheinlich, dass solche Effekte bei regelmäßiger Verwendung von Mobiltelefonen auftreten, da die emittierte Gesamtleistung viel zu niedrig ist, um die Körpertemperatur zu erhöhen, und weil lokale Erhöhungen der Gehirntemperatur, falls vorhanden, durch die thermostabilisierende Wirkung des zirkulierenden Blutes verhindert würden.

Andere biologische Störungen, die unter Versuchsbedingungen beobachtet werden, können mit verfahrensbedingten Nebenwirkungen wie Immobilisierungsstress zusammenhängen, unter denen nicht betäubte Tiere leiden. Versuchsanordnungen sollten daher so konzipiert werden, dass die tatsächlichen Expositionsbedingungen für menschliche Benutzer von Mobilkommunikationssystemen nachgebildet werden.

Ebenso sind Wechselwirkungen mit menschlichem Verhalten oder neurologischen Erkrankungen bestenfalls minimal. Insbesondere konnte kein signifikanter Zusammenhang mit der Inzidenz oder dem Wachstum von Hirntumoren unter experimentellen oder klinischen Bedingungen hergestellt werden. Negative Daten schließen die Möglichkeit geringfügiger mikrowelleninduzierter biologischer Wirkungen auf das Gehirn nicht aus. Je geringer diese Nebenwirkungen sind, desto geringer ist ihr Beitrag zum kombinierten Gesundheitsrisiko, das andere Umwelteinflüsse auf das Gehirn ausüben können. Diese Schlussfolgerung steht möglicherweise im Widerspruch zu den offensichtlichen, aber wenig untersuchten Stressreaktionen, die viele Personen erfahren, wenn sie sich über rücksichtslose Benutzer von Mobiltelefonen ärgern. Beträchtliche Gesundheitsrisiken ergeben sich auch aus der hohen Anzahl von Verkehrsunfällen, die durch Mobiltelefonie während der Fahrt verursacht werden. Weitere Forschungen sollten sich daher auf diese indirekten Auswirkungen der Mobiltelefonie konzentrieren, die sich letztendlich als schwerwiegendere Belastung für die Gesundheitssysteme herausstellen können als die vermutlich vernachlässigbaren biologischen Störungen.

Professor Sultan Ayoub Meo will seine Studie mit einer weiteren wichtigen amerikanischen Veröffentlichung belegen. In dieser Studie wurde schon 2004 gezeigt, dass die aktuellen Beweise für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Krebs und Exposition gegenüber Hochfrequenzenergie schwach und nicht überzeugend sind (8).

Fazit aus der Recherche von Januar-August 2019

Die einzige wissenschaftliche Veröffentlichung von 2019 die den Mobilfunk kritisch sieht, hat nicht nur keinerlei Beweise für die Behauptung, sondern in den zitierten Journals steht auch das Gegenteil der Behauptung.

Umweltauswirkungen

Die siebente Veröffentlichung dieses Jahr, die ich zu diesem Thema gefunden habe, war ein hoch interessanter Übersichtsartikel über verschiedene Strahlungen und deren Auswirkungen auf Insekten (9).

Jedem Interessierten rate ich, diesen Artikel mal anzuschauen. Es wird einsichtlich in Diagrammen erklärt, was es überhaupt für Strahlung gibt und wie sich sich auswirken.

Was bei dem Artikel deutlich raus kommt:

Die Lichtverschmutzung ist unser größtes Problem!

Zusammenfassung

Es gibt entgegen vielen Behauptungen einen wissenschaftlichen Konsens in Sachen Mobilfunk. Von daher hat die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) natürlich Recht. Ich empfehle dringen allen, die sich erst mal einen Überblick auf Deutsch verschaffen wollen die Lektüre des hervorragend Artikels von Andreas Hirstein am 27.04.2019 in der NZZ


(1) Headache, tinnitus and hearing loss in the international Cohort Study of Mobile Phone Use and Health (COSMOS) in Sweden and Finland (July 2019); International Journal of Epidemiology; Anssi Auvinen et al.; https://doi.org/10.1093/ije/dyz127

(2) Uncertainty Analysis of Mobile Phone Use and Its Effect on Cognitive Function: The Application of Monte Carlo Simulation in a Cohort of Australian Primary School Children (July 2019);
Int. J. Environ. Res. Public Health 2019, 16(13), 2428; https://doi.org/10.3390/ijerph16132428

(3) Radio Frequency Electromagnetic Fields Exposure Assessment in Indoor Environments: A Review (März 2019)
Int. J. Environ. Res. Public Health 2019, 16(6), 955; https://doi.org/10.3390/ijerph16060955

(4) Brain and Salivary Gland Tumors and Mobile Phone Use: Evaluating the Evidence from Various Epidemiological Study Designs. (April 2019); Annual Review of Public Health Volume 40, 2019 Röösli, pp 221-238;
https://www.annualreviews.org/doi/full/10.1146/annurev-publhealth-040218-044037

(5) Mobile phone use and incidence of brain tumour histological types, grading or anatomical location: a population-based ecological study. (Dezember 2018); Public health; Ken Karipidis et al;
https://bmjopen.bmj.com/content/8/12/e024489.long

(6) Mobile Phone Base Station Tower Settings Adjacent to School Buildings: Impact on Students‘ Cognitive Health (Januar 2019); American Journal of Men’s Health; Sultan Ayoub Meo et al;
https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/1557988318816914

(7) Effects of Electromagnetic Radiation of Mobile Phones on the Central Nervous System (2003); Bioelectromagnetics 24:49 ^ 62
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/bem.10068

(8) Mobile phones, mobile phone base stations and cancer: a review (2005); International Journal of Radiation Biology https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/09553000500091097

(9) Risk to pollinators from anthropogenic electro-magnetic radiation (EMR): Evidence and knowledge gaps; Science of The Total; Volume 695, 10 December 2019; Environmenthttps://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2019.133833


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Irreguläre Tierversuche in Erlangen

März 2018 aktualisiert am 14. April 2019

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg publizierte in den letzten Jahren eine Reihe nicht schlüssiger Veröffentlichungen, auf die ich hier näher eingehen will.

Tierversuche müssen nach §8 Tierschutzgesetz von der zuständigen Behörde (hier Regierung von Unterfranken) genehmigt werden. Die Behörde vergibt dazu eine Nummer. Mir ist aufgefallen, dass unter ein und derselben Genehmigungsnummer mehrere Tierversuche an verschiedenen Tierarten (Beagle und Schweine) publiziert wurden und dass für ein und denselben Versuch unterschiedliche Genehmigungsbehörden (Franken und Ungarn) angegeben werden.

In folgender Liste sind die widersprüchlichen Angaben aus den einzelnen Veröffentlichungen zusammengefasst:

Genehmigungsnummer
Jahr
Titel
DOI Genehmigungsbehörde   Autoren   verbrauchte Tiere
54-2532.1-45/12

2017

The influence of different abutment materials on tissue regeneration after surgical treatment of peri-implantitis – a randomized controlled preclinical study.

10.1016/j.jcms.2017.05.025

„Pest county government department for food safety and animal health“


Ungarn

 Tobias Moest, Jan Wrede, Christian Martin Schmitt, Melanie Stamp, Friedrich Wilhelm Neukam, Karl Andreas Schlegel   8 Beagle
54-2532.1-45/12

2016

Soft tissue volume alterations after connective tissue grafting at teeth: the subepithelial autologous connective tissue graft versus a porcine collagen matrix – a pre-clinical volumetric analysis

10.1111/jcpe.12547

„Pest county government department for food safety and animal health“


Ungarn

Christian Martin Schmitt, Regai E. Matta, Tobias Moest, Julia Humann, Lisa Gammel, Friedrich Wilhelm Neukam, Karl Andreas Schlegel   8 Beagle
54-2532.1-45/12

2014

Bone formation in peri-implant defects grafted with microparticles: a pilot animal experimental study.

10.1111/jcpe.12295

„a state Animal Research Committee in Bavaria“

Ansbach

Tobias Moest, Franz Koehler, Christopher Prechtl, Christian Martin Schmitt, Georg Watzek, Karl Andreas Schlegel   6 Schweine
22.1/121/3/2011

2017

Periosteal elevation induces supracortical peri-implant bone formation.

10.1111/jcpe.12547

„Pest county government department for food safety and animal health“


Ungarn

Rainer Lutz, Christina Sendlbeck, Hommeira Wahabzada, Christian Tudor, Christopher Prechtl, Karl Andreas Schlegel   24 Schweine
22.1/121/3/2011

2015

In vivo evaluation of biofunctionalized implant surfaces with a synthetic peptide (P-15) and its impact on osseointegration. A preclinical animal study.

10.1111/clr.12723

„Pest county government department for food safety and animal health“


Ungarn

Christian M. Schmitt, Markus Koepple, Tobias Moest, Konrad Neumann, Tamara Weisel, Karl Andreas Schlegel    10 Beagle
22.1/121/3/2011

2016

Search for a reliable model for bisphosphonate-related osteonecrosis of the jaw: establishment of a model in pigs and description of its histomorphometric characteristics.

10.1016/j.bjoms.2016.05.025

„under license“


keine Angabe

Konstantinos T. Mitsimponas, Tobias Moest, Christos Iliopoulos, Thomas Rueger, Cornelia Katharina Mueller, Rainer Lutz, K. Shakib, Friedrich Wilhelm Neukam, Karl Andreas Schlegel    12 Schweine
22.1/121/3/2011

2015

Establishment of a new pull-out strength testing method to quantify early osseointegrationdAn experimental pilot study.

10.1016/j.jcms.2015.10.005

„the Animal Research Committee“


keine Angabe

J. Nonhoff, Tobias Moest, Christian Martin Schmitt, T. Weisel, S. Bauer, Karl Andreas Schlegel    6 Schweine
54-2531-25/07

2011

Tierexperimentelle Studie zur Knocheneinheilung chemisch oberflächenmodifizierter Implantate im Typ- 2 diabetischen Schwein

Dissertation

„Tierversuchskommission der Regierung von Mittelfranken“


Ansbach

Tobias Moest   15 Schweine
54-2531-25/07

2016

Peri-implant defect regeneration in the diabetic pig:
A preclinical study

10.1016/j.jcms.2016.04.002

„Committee for Animal Research, Franconia“


Franken

Cornelius von Wilmowsky, Karl Andreas Schlegel, Christoph Baran, Emeka Nkenke, Friedrich Wilhelm Neukam, Tobias Moest   6 Schweine
54-2531-25/07

2011

Diabetes mellitus negatively affects peri-implant bone formation in the diabetic domestic pig.

10.1111/j.1600-051X.2011.01746.x

„Committee for Animal Research, Government
of Midfranconia“


Ansbach

Cornelius von Wilmowsky, Philipp Stockmann, Igor Harsch, Kerstin Amann, Philipp Metzler, Rainer Lutz, Tobias Moest, Friedrich Wilhelm Neukam, Karl Andreas Schlegel   25 Schweine
54-2531.31-25/07

2011

PEG matrix enables cell-mediated local BMP-2 gene delivery and increased bone formation in a porcine critical size defect model of craniofacial bone regeneration

10.1111/j.1600-0501.2011.02223.x

„Committee for animal research of the government of Middle Franconia“


Ansbach

Falk Wehrhan, Kerstin Amann, Aart Molenberg, Rainer Lutz, Friedrich Wilhelm Neukam, Karl Andreas Schlegel   15 Schweine
54-2531.31-25/07

2012

Critical size defect regeneration using PEG-mediated BMP-2 gene delivery and the use of cell occlusive barrier membranes – the osteopromotive principle revisited.

10.1111/j.1600-0501.2012.02489.x

„Committee for animal research of the government of Middle Franconia“


Ansbach

Falk Wehrhan, Kerstin Amann, Aart Molenberg, Rainer Lutz, Friedrich Wilhelm Neukam, Karl A. Schlegel   20 Schweine
621.2531.31-06/02

2011

Comparative analysis of osseointegration of titanium implants with acid-etched surfaces and different biomolecular coatings

10.1016/j.tripleo.2011.01.004

„government of Midfrankonia“


Ansbach

Cornelia Katharina Mueller, Michael Thorwarth, Michelle Schmidt, Karl Andreas Schlegel, Stefan Schultze-Mosgau   9 Schweine
621.2531.31-10/98

2009

Influence of residual alveolar bone height on osseointegration of implants in the maxilla: a pilot study

10.1111/j.1600-0501.2008.01598.x

„Regional
Government of Mittelfranken“


Ansbach

Matthias Fenner, Eleftherios Vairaktaris, Kathrin Fischer, Karl Andreas Schlegel, Friedrich Wilhelm Neukam, Emeka Nkenke   8 Schweine
22.1/3879/003/2008

2015

Extra-oral defect augmentation using autologous, bovine and equine bone blocks: A preclinical histomorphometrical comparative study.

10.1016/j.jcms.2015.02.012

„a state Animal
Research Committee „


keine Angabe

Tobias Moest, Falk Wehrhan, Rainer Lutz, Christian Martin Schmitt, Friedrich Wilhelm Neukam, Karl Andres Schlegel   20 Schweine

Was sagt uns nun diese lange Liste, ausser dass sie für mich sehr viel Arbeit war?

Unter der Genehmigungsnummer 54-2532.1-45/12 finden wir verschiedene Experimente bei denen zum einem Teil Schweinen Implantate in den Kopf geschraubt werden und bei anderen Experimenten bei Hunden Implantate im Kiefer getestet werden. Bei den getöteten Hunden steht, dass diese Genehmigungsnummer von einem „Pest county government department for food safety and animal health“ in Ungarn vergeben wurde. Weiter unten bei der Studie von 2017 steht jedoch, dass die Studie an der Friedrich-Alexander Universität, Erlangen-Nürnberg durchgeführt wurde. Also vergibt Ungarn Genehmigungsnummern für Experimente an Hunden in Erlangen? Vergibt Ungarn hierfür die selbe Nummern wie Ansbach für Experimente mit Schweinen?

Des weiteren gibt es unter der Nummer 22.1/121/3/2011 verschiedene Studien mit insgesamt 42 Schweinen und 10 Beagle, die alle an der Universität Erlangen durchgeführt wurden. Oder doch nicht? Zum Teil wird das Amt in Ungarn erwähnt, zum Teil nur ein „comittee“ oder „license“, einmal als Lieferant der Schweine (2015) die Renner GmbH, die, soweit ich informiert bin, nur in Deutschland Tiere liefert. Also doch Erlangen?

Da in den Veröffentlichungen um Professor Schlegel keine Kooperation mit Ungarn oder anderen Universitäten auszumachen ist, gehe ich davon aus, dass alle Versuche an der Universität Erlangen durchgeführt wurden. Dies wird auch zum Teil extra erwähnt. Soviel ich in Erfahrung bringen konnte, ist es nach dem ungarischen Tierschutzgesetz von 2013 verboten, Beagle in 6 Quadratmeter Käfigen in Einzelhaltung zu halten. Dies wird aber in jeder einzelnen Veröffentlichung extra erwähnt. Also werden die Hunde in den Buchten für die Schweine gehalten?

Fragen über Fragen. Wer kann diese wohl besser beantworten, als die Universität oder das zuständige Amt der Regierung von Unterfranken? Ich habe letztes Jahr viel Zeit damit verbracht die zuständigen Stellen zu einer Antwort zu bewegen und hier will ich die Bemühungen auflisten.

Kontaktversuch mit dem SG Tierschutzangelegenheiten der FAU

Zuständig für Tierschutzangelegenheiten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sind Mareen Ziegelmann und Dr. med. vet. Roland Jurgons. Auf meine Anfrage wurde tatsächlich am 21.08.2017 geantwortet. Auch wenn in der Antwort keine Informationen standen und sich natürlich nie wieder jemand gemeldet hat, so weiß ich es doch zu schätzen.

Kontaktversuch mit der Regierung Unterfranken

Zuerst habe ich das zuständige Veterinärwesen in Würzburg per E-Mail und mit einem Brief angeschrieben. Nach mehrmaligem Nachfragen erhielt ich diese E-Mail

Man benötigt also eine Anspruchsberechtigung, um zu erfahren, wie an einer Universität Tiere für Geld und Ruhm totgequält werden.  Ja, berechtigt bin ich scheinbar nicht und dass ich mit den Genehmigungsnummern nicht vor habe Handel zu treiben, kann ich nur schwer nachweisen. Die Nummern scheinen so geheim zu sein, dass sogar die Universität diese frei erfinden muss.

Da man mich über die falschen Nummern leider nicht aufklären wollte, habe ich die Regierung Unterfanken gebeten in dieser Sache zu ermitteln und mich über das Ergebnis in Kenntnis zu setzen

Hierauf bekam ich erst Monate später eine Antwort, nachdem ich das Bayerische Staatsministerium angeschrieben hatte.

Kontaktversuch mit dem Bayerischen Staatsministerium Umwelt und Verbraucherschutz

Mein Brief an die Ministerialrätin Frau Dr. Marscher wurde sehr freundlich beantwortet.

Worauf hin sich auch die Regierung Unterfranken noch ein letztes Mal gemeldet hat.

Kontaktversuch mit ungarischen Universitäten

Des Weiteren habe ich versucht heraus zu finden, mit welcher ungarischen Universität ein Kontakt bestehen könnte und die fünf in Frage kommenden Universitäten angeschrieben. Als einzige Universität hat das Dekanat der Universität Budapest geantwortet.

Kontaktversuch mit den Verlagen

Beim Publizieren gibt es ethische Standards für Tierversuche. Diese werden als sogenannte „ARRIVE Guidelines“ für eine Publikation gefordert. Unter anderem werden relevante Lizenzen und eine ethische Überprüfungserlaubnis gefordert. Da die Nummern der Lizenzen in den Publikationen nicht stimmen können, habe ich die relevanten Verlage darauf aufmerksam gemacht, dass ihre ARRIVE Guidelines trotz gegenteiliger Behauptung nicht eingehalten wurden.

Diese E-Mails gingen an das Journal of Cranio-Maxillofacial Surgery vom Elsevier Verlag und an das Journal of Clinical Periodontology Surgery vom Wiley Verlag.

Da Professor Dr. Friedrich W. Neukam Editor des Journal of Cranio-Maxillofacial Surgery ist, habe ich hier auch keine Antwort erwartet. Allerdings kam vom Wiley Verlag eine positive Antwort:

Kontaktversuch mit Budapest

Die Gruppe um Professor Schlegel erwähnt als einzige das „Pest county government department for food safety and animal health“ in Ungarn erwähnt, folglich muss es da wohl einen Zusammenhang geben. Professor Schlegel hat 1998 in Budapest promoviert. Damals waren in Ungarn noch „wilde“ Tierversuche möglich und einige deutsche Institute verlagerten Tierversuche deshalb nach Ungarn. Inzwischen hat sich durch das ungarische Tierschutzgesetz von 2013 und auch durch die EU vieles geändert.

Unter dem Namen „Pest county government department for food safety and animal health“ gibt es ein Amt der Regierung namens Nébih. 

Da E-Mails an die Direktoren leider keine Resonanz zeigten, habe ich einen Brief geschrieben. Es hat mich eben auch wegen der offensichtlichen Kontakte von Professor Schlegel mit diesem Amt doch erstaunt, dass ich im Februar 2018 eine kurze Antwort erhalten habe:

Die Genehmigungsnummer 54-2532.1-45/12 gibt es also dort nicht. Was auch irgendwie zu erwarten war. Der Vollständigkeit halber will ich hier noch meine Antwort und erneute Anfrage an die nébih einfügen:

Obwohl ich Ideen habe, wen ich noch anschreiben könnte, überlasse ich an diesem Punkt nach 8 Monaten Hinterfragen und Lästigsein, die Arbeitsgruppe um Professor Schlegel meinem Lieblingsverein und der Staatsanwaltschaft.

Reaktionen

Anscheinend ist von meiner Welle einiges bei den Herren angekommen. Ich vermute mal die vom Wiley Verlag. Bei ihrer neuesten Veröffentlichung, vom Dezember 2017, haben sie versehentlich wieder die gleichen Fehler gemacht.

Da ist wohl zum wiederholen Mal die falsche Nummer 54-2532.1-45/12 rein gerutscht. Jetzt da bewiesen ist, dass diese nicht stimmt, wird schnell eine neue Nummer herbei gezaubert.

Daneben wird bedauert, dass man die Tiere vor ihrem Tod nicht gemäß des Tierschutzgesetzes gehalten hat. Das war wohl nur ein Fehler im Satz. In Zukunft werden sie ihre Worte wohl besser planen, als ihre Taten.

Strafanzeige

Am 10. April 2019 hat der Verein Ärzte gegen Tierversuche e.V. Strafanzeige gegen Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz gestellt.

Der genaue Text der Pressemitteilung kann hier nachgelesen werden:

Ein sehr guter Artikel dazu gab es im Ärzteblatt am 11. April 2019

Es ist der totale Wahnsinn. Jetzt wären alle Studien nicht in Erlangen durchgeführt worden.

Aus der idowa von Gunnar Giftthaler am 13.04.2019:

Laut Unterlagen des Sachgebiets Tierschutzangelegenheiten der FAU habe es seit 2001 weder Versuche an Beagle-Hunden noch an Schweinen gegeben, so Pressesprecherin Dr. Susanne Langer. Es handele sich offensichtlich um an ungarischen Partnerinstitutionen durchgeführte und dort genehmigte Versuche. Dass die FAU damit in Zusammenhang gebracht werde, sei eine „möglicherweise fehlerhafte Angabe in den Publikationen.“

Was sagt die zuständige Regierung von Unterfranken zu dem Thema? „Wir sind insbesondere bei dem heiklen Thema der Tierversuche äußerst transparent“, so Pressesprecher Johannes Hardenecke gegenüber idowa. Zwischen 2007 und 2012 habe es nachweisbar keine Tierversuche gegeben, der Zeitraum zwischen 2013 und 2018 werde derzeit überprüft. 

Da hängen sicher einige Dr. Arbeiten mit drin. Das meiste hab ich ja gar nicht übersetzt, weil das mit den Schweinen und Erlangen hatte ich geglaubt. Seit 2001 keine Tierversuche mit Schweinen in Erlangen?

Jetzt bin ich erst mal sprachlos. Es ist mir noch nicht ganz klar, sind die so doof oder warum sind die so selbstsicher?

…so Pressesprecher Johannes Hardenecke gegenüber idowa. Zwischen 2007 und 2012 habe es nachweisbar keine Tierversuche gegeben, der Zeitraum zwischen 2013 und 2018 werde derzeit überprüft. 

Aus der Dissertation:

„Nach Genehmigung des Tierversuches durch die zuständige Tierversuchskommision der Regierung von Mittelfranken, Ansbach (Genehmigungsnr. 54-2531-25/07) wurden 15 Tiere in die Studie eingeschlossen, die hier auf 4 Versuchsgruppen aufgeteilt wurden. Es gab 2 Opferungszeitpunkte in der jeweils diabetische und gesunde Schweine geopfert wurden. Am ersten Opferungstermin (nach 30 Tagen Einheilung) wurden 7 Tiere (2 mit gesunder und 5 mit diabetischer Stoffwechsellage) geopfert. Nach 90 Tagen post implantationem wurden die übrigen Tiere (2 mit gesunder und 6 mit diabetischer Stoffwechsellage) geopfert.

von Tobias Möst, Erlangen, Januar 2011

….es seit 2001 weder Versuche an Beagle-Hunden noch an Schweinen gegeben, so Pressesprecherin Dr. Susanne Langer…

Im September 2019 stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein, da alle Versuche vor 2014 verjährt seien und bei allen Veröffentlichungen nach 2014 der Autor eingeräumt hätte, dass „Ungereimtheiten in Bezug auf Genehmigungsnummern, Genehmigungsbehörden und Ort der Tierversuche auf fehlerhafte Zitierungen zurückzuführen sind“

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Mikrobiom und Glyphosat

Janauar 2018

Im Januar 2018 wurde in der Zeitschrift Science of the Total Environment eine Übersicht zur aktuellen Datenlage zu Glyphosat veröffentlicht (1). Einige Zusammenhänge waren mir neu und es ist sehr spannend zu erfahren, wie die Agrochemie mit Hilfe der Politik die Landwirte und damit auch den Steuerzahler dazu bringt, immer neue Milliarden in ein tödliches System zu stecken.

Das Prinzip ist eigentlich genial: Glyphosat (immer im Verbund mit Vernetzungsmitteln und geheimen Zusätzen) tötet alle Pflanzen und viele Mikroorganismen indem es verhindert, dass sie sekundäre aromatische Aminosäuren wie Phenylalanin, Tryptophan und Tyrosin über den Shikimatweg produzieren können.

Somit fehlen den Pflanzen die Phytoalexine, die Pflanzen gegen Krankheitserreger schützen. Folglich sterben die Pflanzen an diversen Infektionen. Sublethale Glyphosatkonzentrationen, beispielsweise aus Rückständen im Boden oder in Obstplantagen, verringern die Pflanzenresistenz gegen Krankheitserreger. Hier kommt der erste geniale Schachzug:

  • Pilzinfektionen (Fusarium, Rhizoctonia, Phytophthora etc.) kommen in mit Glyphosat belasteten Böden häufiger vor, deshalb muss der Landwirt deutlich mehr Fungizide einsetzen. Dies führt vor allem auch im Garten- und Obstanbau zu deutlichen Gewinnen der Agrochemie.

Der zweite Punkt zur Gewinnmaximierung ist etwas komplexer und aus diesem Grund schreibe ich diesen Artikel. Glyphosat ist nämlich nicht nur tödlich für alle Pflanzen, sondern auch für viele Pilze und Bakterien. Allerdings nicht für alle, was es eben so komplex macht. Glyphosat ist toxisch für manche Bakterien und Pilze die in Symbiose mit den Pflanzen leben und Nährstoffe aufschließen. So gibt es Bakterien, die Stickstoff binden und auch Pilze die Phosphat für die Pflanzen verfügbar machen. Dies ist sowohl von biologischer, als auch von wirtschaftlicher Bedeutung:

  • Manche Pilze und Bakterien werden durch Glyphosat gehemmt. In belasteten Böden muss deutlich mehr Stickstoff und Phosphat gedüngt werden. Der vermehrte Kauf von Kunstdüngern führt zu weiteren Gewinnen der Agrochemie.

Kunstdünger am Wegrand.

Mikrobiom

Als Mikrobiom bezeichnet man alle  Mikroorganismen (mikrobielle Gemeinschaft) eines spezifischen Lebensraums. So hat auch jeder Boden ein Mikrobiom, bestehend aus Bakterien, Viren, Algen, Pilzen und Protozoen. Auf das Mikrobiom beim Menschen bin ich hier und hier eingegangen.

Bodenmikrobiom

Das Bodenmikrobiom ist das erste, das von Glyphosat massiv verändert wird. So ist Glyphosat in Verbindung mit den Vernetzungsmitteln nicht nur toxisch für Amphibien und Regenwürmer, sondern auch für eine Reihe von Bakterien, Algen und Pilzen.

Einige Studien zeigen, dass Glyphosat für viele Mykorrhiza (Symbiose zwischen Pilzen und Pflanzen) toxisch ist und auch die Sporen abtöten kann (2). Bei anderen Pilzen die gerade im Pflanzenbau viel Schaden anrichten, wie z.B. Fusarium, Rhizoctonia und Phytophthora, hat Glyphosat keine Wirkung und diesen Pilzen wird hierdurch ein Vorteil verschafft. 

Die Keimung der Samen vom Blattlosen Widerbart (Epipogium aphyllum) erfolgt nur bei Infektion durch einen Wurzelpilz (Mykorrhiza).

Es gibt stickstoffbindende Bakterien, die man „Knöllchenbakterien“ nennt. Diese sind ökonomisch und ökologisch wichtige Bodenbakterien, die eine Symbiose mit Pflanzen eingehen. Nach der Bildung von Knöllchen wird symbiontisch in Leguminosen Luftstickstoff fixiert. Wichtige Gattungen sind Rhizobacteria, Sinorhizobium, Bradyrhizobium, Photorhizobium, Mesorhizobium und Allorhizobium. Manche dieser Bakterien und  auch andere, wie z.B. Burkholderia sp. werden durch Glyphosat gehemmt. Andere Arten von Rhizobium spp. und Gemmatimonas spp. werden gefördert. So können Rhizobium- und Agrobacterium-Stämme Glyphosat und andere Phosphonate abbauen. Nach einer Glyphosat Anwendung verschieben sich die Bakteriengemeinschaften, da einige Gruppen Glyphosat als Energiequelle nutzen können, während dieses Herbizid für andere Gruppen toxisch sein kann (3).

Maisfeld.

Grundwasser, Bäche und Seen

Glyphosat und sein Hauptabbauprodukt AMPA (aminomethylphosphonic acid) adsorbiert an Ton und organischen Substanzen. Der verlangsamte Abbau durch Bodenmikroorganismen führt zur Akkumulation und später zu Auswaschung durch Regen. Glyphosat- und AMPA-Abbau hängen auch stark vom pH-Wert des Bodens ab (4).

In Deutschland werden keine Studien zur Untersuchung von Glyphosat und AMPA in Flüssen finanziert. Aber eine Studie aus der Schweiz von Poiger et. al. (5) zeigt für die Schweiz, dass alle Fließgewässer mehr oder weniger stark mit Glyphosat und AMPA belastet sind.

Von beiden Verbindungen wurden regelmäßig in den untersuchten Bächen Konzentrationen von 0,11 bis zu 2,6 μg/l gefunden. Nur 40 von 583 Proben zeigten Glyphosat Konzentrationen unter dem kritischen Wert von 0,005 μg/l. Im Durchschnitt waren die Konzentrationen von AMPA höher als die von Glyphosat (5).

Die negativen Effekte von Glyphosat , AMPA und Vernetzungsmitteln auf das Ökosystem in den Bächen und Flüssen, vor allem für verschiedene Arten von Mikroalgen, aquatischen Bakterien und Protozoen wurden schon oft und eingehend beschrieben. Da es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, verweise ich den interessierten Leser auf Van Bruggen et al. (1), der eine gute Übersicht bietet.

Hochwasser nach Starkregen.

Mikrobiom der landwirtschaftlichen Nutztiere

Die Abwesenheit des Shikimisäureweges bei Tieren bildet die Grundlage für die Behauptung, dass Glyphosat bei Säugetieren, Amphibien und Reptilien nicht toxisch sei. Auch stammen weitere Belege aus Tierversuchen – vor allem mit Mäusen und Ratten. Dass hierbei die Abbauprodukte von Glyphosat wie AMPA, die geheimen Zusätze und die Vernetzungsmittel nicht berücksichtigt werden, erschließt sich von selbst. Ebenso haben Fütterungsversuche mit sterilen, transgenen Mäusen oder Ratten, die nach ein paar Tagen oder Wochen umgebracht werden, keinerlei praktischen Nutzen.

Der Einfluß von Glyphosat und seiner Abbauprodukte läßt sich exemplarisch am besten anhand von Kühen erläutern. Wiederkäuer haben mehrere Mägen in denen die Nahrung mikrobiell aufgeschlossen wird. Früher bestand die Nahrung aus Gras und Kräutern, heute fast ausschließlich aus Soja und Mais. Dies hat große Auswirkungen auf das Mikrobiom der Kuhmägen. Wie oben erläutert, beeinträchtigt Glyphosat die mikrobiellen Gemeinschaften.

So ist Glyphosat toxisch für Milchsäurebakterien. Diese Bakterien produzieren normalerweise Antibiotika und können pathogene Bakterien wie Clostridium botulinum unterdrücken. Sind die Glyphosat-Konzentrationen im Tierfutter also zu hoch, gibt es Botulismus bei Kühen (1, 6, 7, 8).

Botulismus bei Rindern ist in Milchviehbetrieben in den letzten Jahren gehäuft zu beobachten. Zu den Symptomen zählen Euterentzündungen, Verdauungsprobleme, vor Schmerz gekrümmte Rücken, Klauenkrankheiten, sowie Lähmungen bis hin zum Tod. Dies ist offensichtlich eine Verbindung aus falschem Futter und Glyphosat. Auch hier bezahlt den wirtschaftlichen Schaden nicht der Konsument, sondern der Steuerzahler.

Überflüssiges Bullenkalb

Die Schäden von Glyphosat auf Nutztiere lassen sich in der industrialisierten Landwirtschaft weiter fortführen. So werden bei Geflügel die Bifidobakterien und Enterokokken negativ beeinflußt und Salmonellen und Clostridien gefördert (9).

Glyphosat im Tierfutter beeinflusst nicht nur Darmbakterien sondern auch Pilze, wie z.B. die Mucorales. Mucorales können Mykosen bei Tieren und Menschen auslösen. Es konnte eine positive Korrelation zwischen den Glyphosatkonzentrationen im Urin und der Dichte von Mucorales im Pansen von Milchkühen nachgewiesen werden, da Mucorales resistent gegen Glyphosat sind (10).

Mikrobiom beim Menschen

Es konnten bei einer ganzen Reihe von Krankheiten, wie verschiedene Formen von Krebs, Nierenschäden und neurologischen Störungen (ADHS, Autismus, Alzheimer, Parkinson) eine Korrelationen zu erhöhtem Glyphosatgebrauch gefunden werden (1). Da bei diesen Krankheiten aber immer auch noch andere Faktoren mit spielen und es inzwischen auch sehr viele Veröffentlichungen hierzu gibt, will ich an dieser Stelle nur auf die Auswirkungen von Glyphosat auf das menschliche Mikrobiom eingehen.

Obwohl viele Bakterien und Pilze gegenüber Glyphosat empfindlich sind, sind andere dagegen
sehr widerstandsfähig. Bakterien und Pilze die gegen Glyphosat widerstandsfähig sind, haben meist eine besondere  „Pumpe“. Diese Pumpen, die auf Englisch „efflux pumps“ heißen, sind für Antibiotikaresistenzen bei Bakterien und auch für die Resistenz von Pilzen gegen Antimykotika verantwortlich.

Efflux-Pumpe von Bakterien pumpt störende Chemikalien wieder aus der Zelle heraus.

Bakterielle Arzneimittel-Efflux-Pumpen gibt es viele unterschiedliche und sie werden in sechs Familien eingeteilt. Diese Pumpen sind klinisch relevant, da Antibiotikaresistenzen heutzutage ein großes Problem darstellen. So kann man mit Glyphosat sehr gut auf Bakterien und auch auf Pilze selektieren, die ein gutes System von Efflux-Pumpen haben. So wird verschiedenen Krankheitserregern ein deutlicher Vorteil verschafft. Dies sind vor allem:  Pseudomonas aeruginosa, Candida albicans, Salmonella Typhimurium, Staphylococcus aureus, Listeria monocytogenes, Escherichia coli, Klebsiella pneumonia, Pseudomonas putida, Enterococcus faecalis, Acinetobacter baumannii  (11).

Es ist schon länger bekannt, dass die Exposition gegenüber Bioziden indirekt eine Antibiotikaresistenz auslösen kann (12).  Ein Mikrobiom das über einen längeren Zeitraum Glyphosat ausgesetzt ist, wird sich also zwangsläufig verändern. Das Mikobiom spielt bei allen Abläufen im Körper eine bedeutende Rolle und ich habe schon öfter darüber geschieben:
http://hmjaag.de/mikrobiom
http://hmjaag.de/phageom-und-mikrobiom
http://hmjaag.de/alzheimer

Verschiedene Wirkungen des Darm Mikrobioms.

Die Auswirkungen eines Glyphosat Missbrauchs sind also vielfältig und lassen sich nicht direkt beweisen.

Was weiter zu beachten ist, und sicher viele Menschen vor negativen Folgen schützt, ist das Phageom. Viele Bakteriophagen haben die Angewohnheit über diese Efflux-Pumpen in die Bakterien einzudringen und sie so zu infizieren. Selektieren wir nun auf Bakterien mit vielen Pumpen, verschaffen wir auch den Phagen einen Vorteil. Allerdings wird das Phageom eines Menschen schon bei der Geburt festgelegt und wir haben wenig Möglichkeiten dieses zu beeinflussen.

Ein Phage befällt eine Bakterienzelle.

Für alle Menschen, die sich also nicht auf ihre Genetik und ihr Phageom verlassen wollen, empfehle ich Glyphosat und seine Abbauprodukte möglichst zu meiden und durch eine vernünftige Ernährung und Sport das Mikrobiom möglichst vielfältig zu gestalten.

(1) Environmental and health effects of the herbicide glyphosate. Van Bruggen et. al. Science of The Total Environment (2018)

(2) Glyphosate vulnerability explains changes in root-symbionts propagules viability in pampean grasslands. Druille et al. Agriculture, Ecosystems & Environment (2015)

(3) Effects of glyphosate on the bacterial community associated with roots of transgenic Roundup Ready® soybean. Arango et.al. European Journal of Soil Biology (2014)

(4) Degradation dynamics of glyphosate in different types of citrus orchard soils in China. Zhang, et al. Molecules (2015)

(5) Occurrence of the herbicide glyphosate and its metabolite AMPA in surface waters in Switzerland determined with on-line solid phase extraction LC-MS/MS. Poiger et. al. Environmental Science and Pollution Research (2017)

(6) Glyphosate suppresses the antagonistic effect of Enterococcus spp. on Clostridium botulinum. Krüger et al., Anaerobe. (2013)

(7) Detection of glyphosate residues in animals and humans. Krüger et al., . Environ. Anal. Toxicol. (2014)

(8) Oral application of charcoal and humic acids to dairy cows influences Clostridium
botulinum blood serum antibody level and glyphosate excretion in urine. Gerlach et al. J. Clin. Toxicol. (2014)

(9) Distribution of glyphosate in chicken organs and its reduction by humic acid supplementation. Shehata et al. J. Poult. Sci. (2014)

(10) Possible effects of glyphosate on Mucorales abundance in the rumen of dairy cows in
Germany. Schrödl,et al. Curr. Microbiol. (2014)

(11) Role of efflux pumps in the antibiotic resistance of bacteria embedded in a biofilm. Sara M. Soto. Journal Virulence (2013)

(12) Characterization of biocide-tolerant bacteria isolated from cheese and dairy small-medium enterprises. Fernández Márquez et al. Food Microbiol. (2017)

 

Text und Abbildungen dürfen unter den Bedingungen der Creative Commons Attribution Share-Alike license (CC-BY-SA) gerne ganz oder teilweise kopiert und zitiert werden.

Gürtelrose und Windpocken (VZV)

Januar 2018

Seit Herbst 2017 gibt es einen neuen Impfstoff gegen Gürtelrose für Menschen über 50 Jahre mit dem Namen Shingrix das einen Impferfolg von über 90% haben soll.

Gürtelrose, oder Herpes Zoster, wird häufig unterschätzt und wird leider erst ernst genommen, wenn man es bereits hat. Deshalb wollte ich hier kurz mal erklären, was es damit auf sich hat und warum es wichtig ist, sich zu schützen.

Das Varicella Zoster Virus (VZV)

Das Varicella Zoster Virus (VZV) ist ein Herpesvirus. Es verursacht Windpocken bei Kindern und Herpes Zoster, die Gürtelrose, bei älteren Menschen. VZV verursacht eine Vielzahl von Symptomen, vor allem Nervenschmerzen und Ausschlag auf der Haut. Nach der Primärinfektion (Windpocken) bleibt das Virus in den Neuronen. Viele Jahre, nachdem man sich von Windpocken erholt hat, kann VZV reaktivieren und eine Gürtelrose mit allen möglich Symptomen verursachen.

Das Varicella Zoster Virus (VZV) mit dem Glykoprotein E

Gürtelrose

Das Zoster Virus „versteckt“ sich also im Körper und kann bei geschwächtem Immunsystem erneut als Gürtelrose ausbrechen. Wenn es vom Immunsystem nicht mehr unterdrückt werden kann, wandert es vom Nervenkörper zu den Enden in der Haut, erzeugt Blasen und starke Schmerzen. Risikofaktoren für eine Reaktivierung sind Alter und eine schlechte Immunfunktion. Der Ausschlag und der Schmerz klingen gewöhnlich innerhalb von drei bis fünf Wochen ab, aber etwa jeder fünfte Mensch entwickelt eine schmerzhafte Erkrankung, die als Post-Zoster-Neuralgie oder Postzosterschmerz bezeichnet wird und oft schwer zu behandeln ist. (2)

Gürtelrose kann nur bei jemandem auftreten, der früher Windpocken (Varizellen) hatte. Studien zeigen, dass mehr als 90% der Amerikaner Windpocken hatten, auch wenn sie sich nicht daran erinnern. Einmal infizierte Menschen bleiben meist lebenslang infiziert. (3, 4)

Impfung

Die FDA (US Food and Drug Administration) rät Menschen im Alter von 60 Jahren oder älter sich gegen Gürtelrose zu impfen. Selbst wenn man Gürtelrose hatte, kann man sich impfen, um zukünftige Krankheitsereignisse zu verhindern. (3)

Bisher gab es nur Lebendimpfstoffe gegen Varicella Zoster (Zostavax) mit einer Wirksamkeit von 51,3% bis 66,5% bei Teilnehmern die 60 Jahre oder älter waren. Die Wirksamkeit gegen Herpes Zoster nahm jedoch mit dem Alter ab und Lebendimpfstoffe eignen sich nicht für Personen mit Immunsuppressionen. (4)

Seit 20. Oktober 2017 ist in den USA nun der „Totimpfstoff“ SHINGRIX zugelassen. In mehreren Studien zeigte Shingrix eine Wirksamkeit gegen Gürtelrose von mehr als 90% in allen Altersgruppen, sowie eine anhaltende Wirksamkeit über einen Beobachtungszeitraum von 4 Jahren. (4, 5)

Die Wirksamkeit, vor allem bei älteren Menschen, beruht auf einem neuen Adjuvant (AS01B-Adjuvans-System, genannt HZ / su von GlaxoSmithKline Biologicals) in Kombination mit dem rekombinanten Glykoprotein E vom Varicella Zoster Virus.

Allerdings traten bei 81,5% Reaktionen an der Injektionsstelle auf und 66,1% hatten systemische Reaktionen. Die häufigsten Reaktionen waren Schmerzen an der Injektionsstelle und Muskelschmerzen.

SHINGRIX wurde als Zwei-Dosen-Impfstoff konzipiert. Die zweite Dosis sollte zwei bis sechs Monate nach der ersten Dosis verabreicht werden. (4, 5)

Auf Grund der vorliegenden Daten kann man nur hoffen, dass der neue Impfstoff bald auch in Deutschland zugelassen wird. GSK hat bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) einen Antrag auf Zulassung gestellt.

Mehr Informationen auf Deutsch und auch aktuelles über die Zulassung gibt es hier auf Arznei News

 

(1) Herpes zoster in hospitalized adults: Practice gaps, new evidence, and remaining questions. Ahronowitz I.und Fox LP. J Am Acad Dermatol. (2018).

(2) Epidemiology and Prevention of Vaccine-Preventable Diseases. Hamborsky J (2015).

(3) CDC. Center for Disease Control. Vaccines and Preventable Diseases. Who Should Get Shingles Vaccine? (2018)

(4) Efficacy of an Adjuvanted Herpes Zoster Subunit Vaccine in Older Adults. Lal H et al. The New England Journal of Medicine. May (2015)

(5) Eficacy of the Herpes Zoster Subunit Vaccine in Adults 70 Years of Age or Older. Cunningham H et al. The New England Journal of Medicine. (2016)

 

 

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Evolution und Krebs

April 2017 aktualisiert im September 2017


Wirft man eine Hand voll Federn in die Luft, so müssen alle nach bestimmten Gesetzen zu Boden fallen; aber wie einfach ist das Problem, wohin eine jede fallen wird, im Vergleich zu der Wirkung und Rückwirkung der zahllosen Pflanzen und Tiere, die im Laufe von Jahrhunderten Arten und Zahlenverhältnis der Bäume bestimmt haben, welche jetzt auf den alten indianischen Ruinen wachsen!“ 1859 von Charles Darwin

 

Meine Passion sind nicht nur Viren und deren Rekombination, sondern auch die Evolution der RNA bzw. DNA im Allgemeinen. Kürzlich stieß ich auf einen Artikel über die unterschätzte Bedeutung der Evolutionsfähigkeit von Krebszellen. Vorher wusste ich nicht, dass Krebszellen nicht immer die gleiche DNA haben. Also ein einziger Mensch mit Krebs hat nicht einen Krebs, sondern verschiedene. So wie wir die Evolution von Viren beeinflussen, indem wir sie bekämpfen, beeinflussen wir auch die Evolution der Krebszellen durch Chemotherapie. Um dies alles etwas zu verdeutlichen habe ich diesen Artikel hier geschrieben.

Evolution

Dieses Wort benutzen wir viel zu oft ohne zu wissen was es bedeutet. Wir denken, dass sich ein Lebewesen irgendwie verändert, um sich neuen Lebensumständen anzupassen. Das stimmt aber so nicht ganz. Die Lebensumstände sind bei den Veränderungen egal. Es ist so, dass sich jede DNA und RNA bei jeder Replikation (Verdopplung) verändert. Also überall wo sich Zellen teilen oder Viren vermehren geschieht eine mehr- oder weniger große Veränderung. Es entsteht also etwas Neues. Es gibt dann mehrere Möglichkeiten:

  • Die Veränderung ist unbedeutend und stört nicht weiter.
  • Die Veränderung macht die Zelle oder das Virus nicht überlebensfähig und sie stirbt ab.
  • Der Organismus sieht, dass mit der Zelle etwas nicht stimmt und tötet sie.
  • Das Neue setzt sich durch und vermehrt sich weiter

Dieser letzte Punkt ist die Stelle an der wir die Evolution unter Umständen bemerken. Dieses Neue, Andere,  kann nun gut sein in speziellen Lebensumständen, oder auch schlecht. Wenn es richtig gut und praktisch ist, wird es sich bei weiteren Nachkommen durchsetzen. Meist aber wird es sich irgendwie in der Population verteilen. Nicht so vorteilhafte Veränderungen werden mit der Zeit wieder verschwinden.

Evolution und Tumor

Bei der Evolution von Krebs vergessen wir jetzt erst mal den Fokus auf das Individuum und sehen nur die einzelnen Zellen. Da Zellen sich ständig teilen, entstehen auch laufend Veränderungen.  Es entstehen also täglich, sogar stündlich, Fehler in unseren Zellen. Die meisten Fehler sind unbedeutend und stören nicht weiter. Diese Veränderungen werden vom Organismus genau beobachtet und bei Bedarf wird die Zelle getötet. Dies ist die Arbeit des Immunsystems.

Hier kommen wir zu Krebs. Ist das Immunsystem gestört und die mutierte Zelle wird nicht erkannt, kann sie sich erneut teilen. Je passender die Veränderungen in der DNA dieser Zelle sind, um so besser kann sie sich ab nun durchsetzen. Wenn nun das Immunsystem nicht eingreift und die Lebensumstände für die veränderte Zelle und ihre Nachkommen gut sind, dann haben wir einen Tumor.

Instabile Chromosomen

Ein Kennzeichen der meisten Tumoren ist die Aneuploidie ihrer Chromosomen. Aneuploidie heißt bei Krebs meist, dass etwas fehlt. Die Chromosomen sind instabil und kritische Gene werden nur noch von der gesunden Kopie des betreffenden Chromosoms kodiert (1).

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie die Chromosomen und auch die Gene anders sein können, als sie eigentlich sein sollten.

Um den Tumor genau zu charakterisieren, untersucht man seine DNA. Das heißt, man sequenziert ihn und schaut wo die Veränderung stattgefunden hat.

Intratumorale Heterogenität oder Evolution im Tumor

Jetzt wissen wir wie eine Krebszelle entsteht. Ein Schlüsselfaktor dafür, dass Krebs tödlich wird, ist die intratumorale Heterogenität und damit das therapeutische Versagen und eine Arzneimittelresistenz. Diese intratumorale Heteroginität ist so bedeutend, dass es sogar ein Wort für sie gibt: ITH (2).

ITH bedeutet, dass es im Tumor unter Umständen nicht nur eine bestimmte Krebszelle und ihre identischen Nachkommen gibt, sondern verschiedene unterschiedliche Zellen. Es konnte durch Sequenzieren festgestellt werden, dass diese Unterschiede in einem einzigen Tumor zwischen 0 und bis zu 8000 verschiedene Veränderungen betragen können (3). Wobei die Art der Krebserkrankung hierbei eine Rolle spielt. So sind Tumore, die durch stark karzinogene Stoffe ausgelöst werden – wie Lungenkrebs von Zigarettenrauch und Hautkrebs durch UV Licht – deutlich heterogener.

Hier sind wir beim Punkt, warum die Evolution von Krebszellen und ihre genaue Charakterisierung so wichtig ist. Am besten erkennt man das Problem an der Chemotherapie.

Chemotherapie bei Krebs

Wir bleiben bei der Fokussierung auf die einzelnen Zellen. Eine Chemotherapie ist im Groben das Abtöten einer Krebszelle. Hierbei wird versucht die Krebszelle an einem verwundbaren Punkt zu treffen, um sie zu töten. Was auch bei Kenntnis der Zelle heutzutage recht gut gelingt.

Bei diesem System kann die intratumorale Heterogenität zu einer selektiven Evolution führen. Wir töten zwar erfolgreich eine Art Krebszellen und ihre Nachkommen, aber wir verschaffen einer gegen die spezielle Chemotherapie unempfindlichen Zelle einen Vorteil.

Es kommt somit zuerst zu einer vermeintlichen Heilung bis die selektierte Zelle sich durchsetzt und es entsteht eine sogenannte Arzneimittelresistenz. Die zuerst erfolgversprechende Chemotherapie wird wirkungslos.

Ein weiteres Problem ist der Zeitpunkt der Entstehung der ITH. Wie weiter oben berichtet, wird die Heterogenität durch Chemikalien angetrieben. So kann man durch eine Chemotherapie Veränderungen in Tumorzellen hervorrufen. Da der Reparatur Mechanismus in der Krebszelle gestört ist, treibt dies weiter aktiv die Evolution an. Ein Beispiel hierfür sind niedrig-maligne Gliome, die als Glioblastome nach der Behandlung mit dem Alkylierungsmittel Temozolomid wiederkehren können (4).

Aus diesen Gründen lässt sich die Heterogenität eines Tumors auch nach einer Biopsie und der Sequenzierung nur schwer abschätzen. Jeder Tumor und seine Metastasen haben eine eigene Geschichte an Veränderungen. Diese Geschichte stellt sozusagen eine historische Aufzeichnung von Veränderungen dar, die sich während der Lebensgeschichte des Tumors und seiner Nachkommen angesammelt haben.

Tumorevolution

“…the fittest will survive, and a race will be eventually produced adapted to the conditions in which it lives” (Alfred Russel Wallace, 1867).

Die mittelbare Umgebung des Tumors ist für die Krebsentwicklung bedeutend. Diese Umgebung wird durch Ressourcenbeschränkungen, Immunabwehr und Nebenwirkungen in Form von Gewebehypoxie, Azidose und Krebstherapeutika beeinflusst. Tumorzellen können ihre eigene Wachstumsumgebung zu ihrem Vorteil verändern und die Tochterzellen vor schädlichen Einflüssen schützen. Daher kann die Krebsentwicklung nicht vollständig verstanden werden, ohne ein detailliertes Verständnis der Auswirkungen vom Mikro-Umwelt-Selektionsdruck zu haben.

Obwohl Heterogenität für die Evolution erforderlich ist, führt die positive Selektion nicht zwangsläufig zur Heterogenität. Es bleibt eine offene Frage, ob unterschiedliche klinische Verhaltensweisen die Tumorentwicklung beeinflussen können, oder ob man mindesten die Fähigkeit entwickeln kann, den nächsten Schritt eines Tumors vorherzusehen.

Die Beobachtung, dass Tumore mit einem extremen Maß an chromosomaler Instabilität mit einer verbesserten Prognose verbunden sind (5), unterstützt die Hypothese, dass es zu einem heiklen Gleichgewicht kommen kann und dass möglicherweise ein starker Selektionsdruck in der Krebsentwicklung für ein „gerechtes“ Niveau sorgen kann.

Auch kann das Immunsystem Tumore in einem Gleichgewichtszustand halten. So können Patienten im frühen Stadium von Brustkrebs Tumorzellen im Knochenmark haben, die nicht zu einer metastatischen Erkrankung führen müssen, aber durchaus irgendwann können (6). Andererseits kann die Antwort des Immunsystems auch  Krebszellen geradezu unterstützen.

Vielleicht sollte man sich auch zur Erkenntnis durchringen, dass nicht jeder Krebs heilbar ist, aber man unter Umständen durchaus lange damit leben und alt werden kann.

 

Nachtrag im September 2017

In diesem Monat erschien in der renomierten Zeitschrift Nature ein Artikel zur Evolution bei Krebszellen.

Leider ohne die Erwähnung des Wortes „Evolution“

 

 

 

 

 

 

 

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(1) Singling Out ChromosomeGains in Tumor Evolution. Ryan M. Naylor, Jan M. van Deursen. Cancer Cell (2017).

(2) Clonal Heterogeneity and Tumor Evolution: Past, Present, and the Future. Nicholas McGranahan, Charles Swanton. Cell (2017).

(3) Mutational analysis reveals the origin and therapy-driven evolution of recurrent glioma.
Johnson, B.E., Mazor, T., Hong, C., Barnes, M., Aihara, K., McLean, C.Y., Fouse, S.D., Yamamoto, S., Ueda, H., Tatsuno, K. et al. Science (2014).

(4) Mutational analysis reveals the origin and therapy-driven evolution of recurrent glioma.
Johnson, B.E., Mazor, T., Hong, C., Barnes, M., Aihara, K., McLean, C.Y., Fouse, S.D., Yamamoto, S., Ueda, H., Tatsuno, K. et al. Science (2014).

(5) Pan-cancer analysis of the extent and consequences of intratumor heterogeneity.
Andor, N., Graham, T.A., Jansen, M., Xia, L.C., Aktipis, C.A., Petritsch, C., Ji, H.P., and Maley, C.C.
Nat. Med. (2016).

(6) Tumor cell dissemination to the bone marrow and blood is associated with poor outcome in patients with metastatic breast cancer. Hartkopf, A.D., Stefanescu, D., Wallwiener, M., Hahn, M., Becker, S., Solomayer, E.F., Fehm, T.N., Brucker, S.Y., and Taran, F.A. Breast Cancer Res. Treat. (2014)

(7) Tumours addicted to drugs are vulnerable. REBECCA J. LEE & RICHARD MARAIS. Nature (2017)

 

Bauernregeln

Bauernregel Nr. 3 (Copyright: BMUB)

Tolle Regeln für Bauern

„Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld.“
Und genau so ist es auch! Da können die Lobbyisten maulen und motzen wie sie wollen.
Sind in einem Wasserschutzgebiet (WSG) die Nitratbelastungen des Grundwassers zu hoch, gibt es in Baden-Württemberg entsprechend der „Schutzgebiets- und Ausgleichsverordnung“ (SchALVO) unterschiedliche Ausgleichsleistungen.

Mit anderen Worten: Ein Landwirt überdüngt in einem Wasserschutzgebiet seine Flächen und die gemessenen Nitratwerte im Gebiet sind zu hoch, dann muss das Landratsamt das entsprechende Gebiet als Nitrat-Problemgebiet einstufen. So vor ein paar Wochen geschehen in Hüfingen: Die Grundwasserfassungen „Schaafäcker“ wurde mit Wirkung zum 01.01.2017 in die Klasse „Nitrat-Problemgebiet“ eingestuft (Hüfinger Bote vom 25.01.2017). Die Landwirte, die in diesem Gebiet wirtschaften, werden nun aber nicht sanktioniert. Nein, sie werden auch noch belohnt und erhalten einen Pauschalausgleich für die nun geltenden Bewirtschaftungseinschränkungen in Höhe von 165 €/ha vom Land!

Unberührt bleiben natürlich die Basisprämie (161,45 €/ha), die Greeningprämie (87,31 €/ha) und weitere Prämien, die ein Landwirt sowieso erhält. Für Landwirte kommen da schnell Zahlungen aus dem EU-Haushalt, also Steuermitteln, in Höhe von mehreren Tausend Euro zusammen. Der höchste von mir gefundene Betrag an einen einzelnen Betrieb im Schwarzwald-Baar-Kreis (EU-Haushaltsjahr 2015) lag bei 119.823,70 €! (Quelle: https://www.agrar-fischerei-zahlungen.de)

Jemand verursacht einen Umweltschaden und statt einer Bestrafung, zum Beispiel Reduzierung der Subventionen, erhält er für die Sanierung des Problems noch einen weiteren Zuschuss aus Steuergeldern. Das sind doch Bauernregeln!

 

 

 

 

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Alzheimer

Januar 2017

Vor nichts haben viele Menschen heute mehr Angst, als an Alzheimer zu erkranken. Deshalb werden Milliarden an Forschungsgeldern in die Erforschung dieser Krankheit gesteckt. Leider zieht viel Geld auch viel Gier und unseriöse Forschung an. Da weite Teile der Forschungslandschaft sich leider nicht durch eine besondere Expertise auszeichnen, sondern von Geld-, Macht- und Ruhmesgier getrieben wird, wird ein sehr großer Teil dieser investierten Gelder verpuffen.

Ein Beispiel für dieses „Geldverbrennen“ sind die sinnlosen Tierversuche und die daran verdienende Industrie. Da heute für jede Krankheit ein sogenanntes Tiermodell benötigt wird, wurde sehr viel Geld für unzählige Mausmodelle investiert. So kann man heute durch Genveränderungen bestimmte Proteine, die bei einer Alzheimererkrankung eine Rolle spielen, bei Mäusen abändern (1) oder auch durch das Spritzen der Tiere mit Chemikalien einen Effekt erzielen, der angeblich dem Verhalten bei Alzheimer gleich kommt. Diese Tiermodelle werden meist nicht selbst gezüchtet, sondern bei Charles River Laboratories gekauft. Der Forscher testet dann verschiedene Behandlungsansätze an den genetisch veränderten Mäusen. Falls ein Behandlungsansatz bei der Maus weniger Symptome auslöst, werden Sie dies dann in der Presse lesen.

Natürlich ist keine dieser so künstlich krank gemachten Mäuse auch nur annähernd vergleichbar mit einem Menschen. Man weiß heute noch nicht mal, ob die Plaques im Gehirn nicht doch eher Symptom, als Ursache der Krankheit sind. Aus diesen Gründen gibt es heute sehr viele Ansätze wie man so künstlich krank gemachte Mäuse wieder weniger krank machen kann, allerdings war noch keiner dieser Ansätze auf den Menschen übertragbar.

Deshalb sollte man alle Medienmeldungen über neue Möglichkeiten einer Heilung von Alzheimer sehr kritisch betrachten. Im Normalfall ist dies nur das Ergebnis einer guten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die mehr Geld und Ruhm für eine Forschergruppe eintreiben will.

Um einmal zu beleuchten, was heute bekannt ist über die Krankheit, habe ich diesen Artikel hier geschrieben. Der Ansatz soll sich allerdings auf die seriöse Wissenschaft beschränken – oder zumindest ein Versuch sein, das was ich für seriös halte, zusammenzustellen.

Alzheimer Krankheit

Die Alzheimer Krankheit, bzw. Morbus Alzheimer, ist eine Erkrankung des Nervensystems die zum fortschreitenden Verlust von Nervenzellen führt. Das Absterben der Nervenzellen führt zu Bewegungsstörungen und Demenz. Etwa 60% aller Demenzerkrankungen beruhen auf dir Alzheimer Krankheit.

Bei Alzheimer sammeln sich bestimmte, fehlerhafte Proteine im Gehirn an, die dann die sogenannten Plaques bilden. Das gemeinsame Merkmal dieser Proteine ist der Verlust ihrer physiologischen Aktivität und ihre toxischen Eigenschaften. Diese Plaques fördern also die Neurodegeneration, d.h. sie behindern, verdrängen oder vernichten Nervenzellen.

Das Protein „Amyloid-b“ wird im allgemeinen als Schlüsselprotein zum Erkennen einer Alzheimer Krankheit angesehen (2), deshalb spricht man von einer Amyloidose oder auch Hirn-Amyloidose.

Ursachen

Die Ursachen der Krankheit sind heute noch nicht bekannt. Als sicher gilt jedoch, dass als Hauptrisiko die genetische Disposition und das Alter die größte Rolle spielen.

Alzheimer Patienten weisen erhöhte Entzündungswerte auf, die sich anhand bestimmter Marker, wie z.B. Interleukin, im Blut messen lassen (3). In einigen Veröffentlichungen wird vorgeschlagen, dass bakterielle Endotoxine eine wichtige Rolle in den entzündlichen und pathologischen Prozessen spielen können, die mit Amyloidose und Alzheimer assoziiert sind (3, 4, 5).

Da Bevölkerungsgruppen, die unter Folgekrankheiten einer falschen Ernährung in Verbindung mit zu wenig Bewegung, am häufigsten unter Alzheimer leiden, geht man davon aus, dass Alzheimer das Resultat von Entzündungsreaktionen ist. Wie weit an diesen Entzündungsreaktionen das Mikrobiom beteiligt ist wird momentan eingehend untersucht (3). Unter Mikrobiom versteht man alle Mikroorganismen in und auf einem Menschen, siehe Mikrobiom und Vagusnerv  oder Mikrobiom und Phageom.

Viele natürlich vorkommende und synthetisierte Chemikalien wie Schwermetalle, Pestizide, Bakterizide und Lösungsmittel sind oxidative Stressfaktoren und damit potentielle Initiatoren von Alzheimer (6). Auch hier soll die Krankheit durch eine neuroinflammatorische (Entzündungen der Nerven) Signalkaskade ausgelöst werden können (6).

Hirnentzündungen sind aber auch eine häufige Folge von mechanischen Verletzungen wie Trauma und Schlaganfall. So konnte in epidemiologischen Studien ein erhöhtes Risiko von Alzheimer bei traumatischen Kopfverletzungen nachgewiesen werden (6).

Entzündungsreaktionen können aber auch durch lange zurück liegende, oder auch unbekannte, Infekte entstanden sein.

Mikrobiom

Eine neuere Studie von 2017 berichtet, dass Probanden mit kognitiver Beeinträchtigung und Hirn-Amyloidose weniger Bakterien der entzündungshemmenden Eubacterium rectale und dafür mehr der entzündungsfördernden Escherichia  und Shigella in ihrem Stuhl hatten (3). Die Autoren legen nahe, dass die Entzündungsreaktionen der Patienten nicht nur durch bakterielle Abbauprodukte entstehen, sondern auch, dass eine entzündungsinduzierte Fehlfaltung der Proteine ausgelöst wird (3).

Abbildung:
Darm-Hirn-Achse und die Wirkung von Bakterien produzierten Toxine zu Beginn der Alzheimer Krankheit (7).

Das Darmmikrobiom kann hohe Mengen an amyloidverstärkenden Faktoren freisetzen und die Konzentration von proinflammatorischen Zytokinen erhöhen. Leukozyten und Amyloidproteine können aufgrund der veränderten Expression von RAGE und LRP-1-Rezeptoren leichter die Blut-Hirn-Schranke überwinden, was zur Neuroinflammation beiträgt. Darüber hinaus können Zytokine sowohl den Magen-Darm-Trakt, als auch die Blut-Hirn-Schranke (beide werden mit dem Alter mehr durchlässig) passieren, so dass sie in das Zentrale Nervensystem eintreten und bestimmte Faktoren (TLR2 / 1-, CD14, Gliareaktivität, iNOS) erhöhen können. Durch eine Erhöhung an reaktivem Sauerstoff wird miRNA34a hochreguliert, was eine Herabregulation von TREM2 und folglich eine Anreicherung von Ab42-Peptiden und eine Verringerung der Phagozytose, also der Müllabfuhr in der Zelle, bewirkt. Störungen der Darmmikrobiota können auch zu einer Beeinträchtigung der GABA-Bildung, Akkumulation des Neurotoxins BMAA, eine Zunahme von Lipocalin-2 (einem Darmadipokin, das mit einer Entzündung und Insulinresistenz assoziiert ist) und Abnahme von SCFAs (die Glukose-Homöostase und Insulinsensitivität modulieren), führen. Als Folge davon wird die Signalgebung von GABA, BDNF und NMDA gestört, die Glucose-Homöostase wird beeinträchtigt und die Insulinsensitivität wird verringert. Außerdem wurden bestimmte Bakterien in der Nähe von oder innerhalb von Erythrozyten und in der Nähe von Leukozyten in Blutproben von Alzheimer-Patienten gefunden. (7)

Phagozytose

Phagosome sind Teile sogenannter „Fresszellen“, die verschiedene Partikel im Körper abbauen und enzymatisch verdauen. Mit Phagozytose bezeichnet man also die Müllabfuhr im Körper. Ist die Phagozytose gestört, kommt es zu einer Anreicherung von fehlerhaften Proteinen. Durch die Ernährung und auch durch Fasten kann man die Phagozytose beeinflussen.

Diskussion

Durch die neuen und relativ billigen Sequenziertechniken wird man hoffentlich in naher Zukunft das gesamte Mikrobiom, inklusive des Phageoms, untersuchen.  Diese Daten, zusammen mit den Ernährungsgewohnheiten der Menschen, könnten sehr viel Aufschluss über die Krankheit geben.

Auf jeden Fall kann man sagen, dass neben Verletzungen im Gehirn auch der Lebensstil und vor allem die Ernährung in Verbindung mit der genetischen Disposition, eine große Rolle spielt.

 

(1) Using mice to model Alzheimer’s dementia: an overview of the clinical disease and the preclinical behavioral changes in 10 mouse models. Scott J. Webster et al. Frontiers in Genetics (2014)

(2) Cerebral amyloid PET imaging in Alzheimer’s disease. Jack et.al. Acta Neuropathol. (2013)

(3) Association of brain amyloidosis with pro-inflammatory gut bacterial taxa and peripheral inflammation markers in cognitively impaired elderly. A. Cattaneo et al. Neurobiology of Aging (2017)

(4) Can a bacterial endotoxin be a key factor in the kinetics of amyloid fibril formation? Asti und Gioglio. Journal of Alzheimer’s Disease ( (2014)

(5) Inhibition of IL-12/IL-23 signaling reduces Alzheimer’s disease-like pathology and cognitive decline. Vom Berg et al.  Nat. Med. (2012)

(6) Biotic/Abiotic Stress-Driven Alzheimer’s Disease. Chang-Qing Li et. al. Front. Cell. Neurosci. (2016)

(7) Role of gut microbiota and nutrients in amyloid formation and pathogenesis of Alzheimer disease. Francesca Pistollato, Sandra Sumalla Cano, I~naki Elio, Manuel Masias Vergara, Francesca Giampieri, Maurizio Battino. Nutr Rev. (2016)

 

Text und Abbildungen dürfen unter den Bedingungen der Creative Commons Attribution Share-Alike license (CC-BY-SA) gerne ganz oder teilweise kopiert und zitiert werden.

Methadon in der Krebsbehandlung

Dezember 2016

Am 13. November 2016 kam in der Welt am Sonntag unter der Rubrik Wirtschaft der Artikel „Leben hat seinen Preis“ von Anette Dowideit. Der Artikel geht um die Behandlung von Krebs, insbesondere um die Behandlung von Eierstockkrebs, Brustkrebs, Leukämie und von Glioblastomen (Hirntumoren) mit Methadon. Es werden viele Einzelfälle aufgelistet und es wird bedauert, dass weder die Pharmaidustrie noch die Deutsche Krebshilfe bereit sind, wissenschaftliche Studien zu finanzieren. Der Grund hierfür ist offensichtlich: Mit Methadon lässt sich kein Geld, Ruhm oder Ehre verdienen.

Da somit leider die Datenlage äußerst gering ist und ich mich hier nicht auch mit Einzelfällen abgeben will, will ich im folgenden eine kleine Übersicht der wissenschaftlichen Fachartikel zum Thema Mathadon und Krebs im Dezember 2016 geben.

Apoptose

Die Apoptose, also der programmierte Zelltod, stellt den wichtigsten Mechanismus bei der Bekämpfung der Krebszellen dar. Hierfür gibt es zwei grundlegende Abläufe:

  • Der extrinsische Weg
  • Der intrinsische Weg

Die Aktivierung eines dieser Pfade führt zur Aktivierung sogenannter Caspasen. Die Caspasen sind verschiedene Enzyme, die über eine Caspasekaskade bestimmte Zellen vernichten. 

Bei den meisten Krebsarten ist dieses Apoptosenprogramm irgendwo unterbrochen oder gestört.

Doxorubicin

Doxorubicin ist ein Zytostatikum und wird zur Chemotherapie bei der Behandlung von Tumoren eingesetzt.  Doxorubicin bindet an DNA und verhindert damit die Vervielfältigung der Erbinformationen; Zellteilung und Zellfunktion werden also behindert. Nebenwirkungen sind Übelkeit, Anämie und Organschäden.

Methadon bei Glioblastomen

Das Glioblastoma multiforme ist der häufigste bösartige Hirntumor mit gleichzeitig einer sehr schlechten Prognose. Die Veröffentlichung unter Punkt (1) von der Arbeitsgruppe um Dr. Claudia Friesen in der Zeitschrift Cell Cycle im Jahre 2014 stellt die Grundlage für den oben erwähnten Artikel in der Welt dar.

Es konnte gezeigt werden, dass cyclisches Adenosinmonophosphat (cAMP) das Zytostatikum Doxorubicin, behindert (5,6). D,L-Methadon hingegen reguliert cAMP und andere wichtige Proteine, die die Apotose verhindern, über bestimmte Rezeptoren herunter (1, 3). Wenn die Proteine, die die Apotose verhindern, durch Methadon herunter reguliert wurden, können die Tumorzellen vom Doxorubicin zerstört werden (1).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Methadon zusammen mit einer Chemotherapie das Wachstum von Glioblastomtumoren signifikant verhindert; zumindest in vitro mit Glioblastomtumoren und bei Einzelfällen beim Menschen. Da eine klinische Studie aus oben genannten Gründen nicht finanziert wird, wird es wohl auch in Zukunft bei Einzelfallstudien bleiben.

Methadon bei Leukämie

Es gibt mehrere Veröffentlichungen die belegen, dass D,L-Methadon die Apoptose (programmierter Zelltod) bei Leukämie einleiten und eine Chemotherapie mit Doxorubicin (Zytostatikum) unterstützen (1,2,3,). Weiter konnte gezeigt werden, dass Methadon die Aufnahme von Doxorubicin in Leukämiezellen erhöht (3).

Es konnte gezeigt werden, dass cyclisches Adenosinmonophosphat (cAMP) das Zytostatikum Doxorubicin, behindert (5,6). D,L-Methadon hingegen reguliert cAMP und andere wichtige Proteine, die die Apotose verhindern, über bestimmte Rezeptoren herunter (1, 3). Wenn die Proteine, die die Apotose verhindern, durch Methadon herunter reguliert wurden, können die Tumorzellen vom Doxorubicin zerstört werden (1).

Methadon bei Lungenkrebs

Methadon kann das Wachstum und die Lebensdauer von Lungenkrebszellen signifikant behindern (9, 11). An den Membranen von Lungenkrebszellen sind Rezeptoren für Opoide, so könnte Methadon die Zellteilung blockieren und Nikotin kann diesen Effekt wieder aufheben (9). In der Veröffentlichung von 1992 wird vorgeschlagen, Methadon in frühen Stadien von Lungenkrebs einzusetzten (9). Ähnliche Ergebnisse lagen damals auch für Brustkrebs, für Leukämie und Darmkrebs vor (9, 11).

Methadon bei Schmerzen

In der Palliativpflege ist ein gutes Schmerzmanagement wichtig. Ein signifikanter Anteil der Patienten die mit  Morphium behandelt werden, leiden aber unter unerwünschte Nebenwirkungen oder ungenügender Schmerzlinderung. Diese Patienten werden oft auf alternative Opiate umgestellt. Studien haben ergeben, dass Methadon wirksam bei der Linderung von Krebsschmerzen ist und ähnlich sicher bei der Schmerzbehandlung wie Morphium ist (7,8).

Es gibt Studien, die zeigen, dass die klinische Anwendung von Morphium möglicherweise schädlich ist bei Patienten mit Angiogenese abhängigen Krebsarten wie Brustkrebs (10, 12).

Analgesie

Unter Analgesie versteht man in der Medizin das Ausschalten von Schmerzen als Schmerztherapie.

Nebenwirkungen von Methadon

Die Nebenwirkungen von Methadon nach (13) sind

  • Endokrinopathien – Störung der Hormonproduktion, -regulation oder -wirkung mit den dadurch ausgelösten Symptomen.
  • Immunsuppression – Unterdrückung des Immunsystems
  • Neurokognitive Beeinträchtigung.
  • Zellzyklusstörungen.
  • Osteoporose

(1) Opioid receptor activation triggering downregulation of cAMP improves effectiveness of anti-cancer drugs in treatment of glioblastoma. Claudia Friesen et. al. Cell Cycle. (2014)

(2) Methadone, commonly used as maintenance medication for out- patient treatment of opioid dependence, kills leukemia cells and overcomes chemoresistance. Friesen C, Roscher M, Alt A, Miltner E..Cancer Res (2008)

(3) Cell death sensitization of leukemia cells by opioid receptor activation. Friesen C, Roscher M, Hormann I, Fichtner I, Alt A, Hilger RA, Debatin KM, Miltner E. Oncotarget (2013)

(4) Induction of apoptosis in pediatric acute lymphoblastic leukemia (ALL) cells by the therapeutic opioid methadone and effective synergy with Bcl-2 inhibition. Singh A, Jayanthan A, Farran A, Elwi AN, Kim SW, Farran P, Narendran A. Leuk Res (2011)

(5) Promoter hypomethylation regulates CD133 expres- sion in human gliomas. Tabu K, Sasai K, Kimura T, Wang L, Aoyanagi E, Kohsaka S, Tanino M, Nishihara H, Tanaka S. Cell Res (2008)

(6) Arsenic reverses glioblastoma resistance to mTOR-targeted therapies. Iwanami A, Cloughesy TF, Cavenee WK, Mischel PS. Cell Cycle (2013)

(7) The role of methadone in cancer pain treatment—a review. W. Leppert. Int J Clin Pract, 63 (2009)

(8) Methadone for cancer pain. E.E. Prommer. Palliat Care Res Treat, 4 (2010)

(9) Nonconventional opioid binding sites mediate growth inhibitory effects of methadone on human lung cancer cells. Rhoda Maneckjee, John D. Minna. PNAS (1992)

(10) Morphine stimulates angiogenesis by activating proangiogenic and survival-promoting signaling and promotes breast tumor growth.Gupta K, Kshirsagar S, Chang L, Schwartz R, Law PY, Yee D, Hebbel RP. Cancer Res. (2002)

(11) Effects of bombesin on methadone-induced apoptosis of human lung cancer cells. Wendy L. Heusch, Rhoda Maneckjee. Cancer Letters (1999)

(12) Morphine Cross-Reacts with Somatostatin Receptor SSTR2 in the T47D Human Breast Cancer Cell Line and Decreases Cell Growth. Anastassia Hatzoglou, L’Houcine Ouafik, Efstathia Bakogeorgou, Kyriaki Thermos, Elias Castanas. Cancer Research. (1995)

(13) Chronic opioid therapy in long-term cancer survivors. Carmona-Bayonas et al. Clinical and Translational Oncology. (2016)

 

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Phageom und Mikrobiom

Dezember 2016

Da das Phageom (eng. phageome) ein Großteil unseres Mikrobioms darstellt, es immer mehr Hinweise gibt wie wichtig es für unsere Gesundheit ist, und es leider bis jetzt von den deutschsprachigen Medien vollkommen ignoriert wird, will ich hier das bis jetzt (Dezember 2016) bekannte aus der englischen Fachliteratur zusammentragen.

Phage

Phagen

Phagen sind schon sehr lange bekannt und wurden von Frederick Twort im Jahre 1915 und später von Felix d’Herelle 1917 entdeckt. Phagen sind alle Viren die Bakterien zu ihrer Vermehrung benötigen, auf ein Bakterium sollen mengenmäßig etwa 10 Phagen kommen. Damit hat jeder Bakterienstamm seit Jahrmillionen mit seinen eigenen spezifischen Viren zu kämpfen, denn Phagen sind sehr wirtsspezifisch. Natürlich haben Bakterien ein Immunsystem und können sich auch Phagen zu Nutzen machen. So befinden wir uns in  einem andauernden Wettlauf der Evolution von Bakterien gegen Phagen und auch von Bakterien und Phagen gegen Bakterien.

Ja, wir befinden uns mittendrin. Unser Körper hat etwa zwischen 10 bis 900 Billionen Zellen, auf eine menschliche Zelle kommt etwa eine Bakterie, das macht dann mehrere Billiarden Phagen pro Mensch (1+2).

Es gibt somit eine unerforschte Unmenge an verschiedenen Phagen, da es ja auch Unmengen an verschiedenen, zum Teil unerforschten Bakterien gibt. Am besten erforscht sind Phagen von Escherichia coli, sogenannte T4-Phagen und Lambda-Phagen (Phage λ). Dies hat damit zu tun, dass E. coli, das sogenannte Haustier von Biologen, sich relativ einfach im Reagenzglas halten lässt und im Normalfall für den Menschen harmlos ist. Phagen sind zwischen 20 – 200 nm gross. Der relativ grosse T4 Phage ist mit 200 nm einer der Grossen. E. coli ist im Vergleich dazu 0.5 μm x 2 μm, also 500 x 2000 nm gross.

Ein Phage injiziert sein Genom aus DNA oder RNA in eine Bakterienzelle.

Vermehrung der Phagen

Da es sehr viele verschiedene Phagen gibt, gibt es auch genau so viele Strategien der Phagen eine Bakterienzelle zu „entern“. Aber eins ist allen Viren gemeinsam: Sie brauchen eine Zelle, um sich zu vermehren. Bei Phagen unterscheidet man grundsätzlich zwei verschiedene Gruppen, wobei die Übergänge fließend sein können.

  1. Lytische Phagen: Der Phage vermehrt sich sofort in der Zelle explosionsartig und bringt diese dann zum platzen und freisetzten neuer Viren.
  2. Lysogene Phagen: Der Phage baut erst mal nur seine DNA in das Bakterium mit ein und tötet diese nicht sofort.

Das Mikrobiom

Als das Mikrobiom wird die Gesamtheit aller Mikroorganismen bezeichnet, die ein Lebewesen besiedeln. Heute wird auch das Virom mit dazu gezählt. Das Mikrobiom beseht also aus Bakterien, Pilzen, Algen, Protozoen und eben dem Virom mit dem Phageom. Ein Teil des Mikrobioms ist die Darmflora.

Das Phageom

Das Virom ist die Gesamtheit aller Viren die ein Lebewesen besiedeln. Teil des Viroms ist das Phageom. Also der Teil der Viren die man auch als Bakteriophagen bezeichnet und die sich ausschließlich in Bakterien vermehren.

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Forschung zum Phageom

Im September 2016 ist ein faszinierendes Paper zum Phageom in PNAS erschienen:

Healthy human gut phageome (3)

Die Veröffentlichung dreht sich um das „healthy gut microbiome“, also eine gesunde Darmflora. Teil dieser „gesunden Darmflora“ ist ein gesundes Phageom. Dieses gesunde Phageom hilft und unterstützt eine gesunde Darmflora. Das gesunde Phageom besteht aus etwa 35-2800 verschiedenen Arten an Phagen (5), von denen die meisten absolut unbekannt sind und keine Ähnlichkeit zu bekannten Phagen haben.

In der Studie zum „gesunden Phageom“ wurden 44 Gruppen von Bakteriophagen untersucht, die bei gesunden Probanden gefunden wurden. Es konnte gezeigt werden, dass Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa (chronisch-entzündlichen Darmerkrankung) ein verändertes Phageom haben. Es wird eine direkte Beziehung zwischen einem gesunden Mikrobiom und einem gesunden Phageom gezogen.

Dieser Abschnitt kann die nächsten Jahre (hoffentlich) mit interessanten Forschungen erweitert werden.

Spekulationen zum Phageom

Das Phageom wird allem Anschein nach in den ersten Lebenswochen vererbt und scheint essentiell für das weitere Leben zu sein. Es ergeben sich Hinweise darauf, dass unser Körper Phagen zur virologischen Abwehr von bakteriellen Erkrankungen einsetzen kann. Auch scheint das Phageom ausgesprochen wichtig beim horizontalen Gentransfer. So werden nicht nur Antibiotikaresistenzen auf Bakterien verteilt, auch können Phagen für den Menschen nützliche Gene konservieren; z.B. Gene „guter“ Bakterien, nach einem Einsatz von Antibiotika.

Mit den Möglichkeiten der Tiefen-Sequenzierung (Sequenzierung im Hochdurchsatzverfahren) wäre es heute möglich, einen tieferen Einblick in das Phageom zu bekommen. Leider sind die Prioritäten in der deutschen Wissenschaft heute deutlich wo anders gesetzt.

phagen2

Weiterführende Veröffentlichungen über Phagen jenseits der Englischen Fachliteratur habe ich hier zusammengetragen http://hmjaag.de/phagenlinks/

Wer gerne zusätzliche Infos will, hat oder gerne darüber diskutiert, der ist in meinem Phagen Forum willkommen: http://www.dr-nepomuk.de/forum/

(1) The phage-host arms race: Shaping the evolution of microbes. Adi Stern, Rotem Sorek. BioEssays (2011).

(2) Revised estimates for the number of human and bacteria cells in the body. Ron Sender, Shai Fuchs, Ron Milo. Biorxiv (2016).

(3) Healthy human gut phageome, Manrique et al., PNAS (2016)

(4) Gut microbiota modulate host immune cells in cancer development. Erdmann and Poutahidis, Free Radical Biology and Medicine (2016).

(5) The human gut virome: Inter-individual variation and dynamic response to diet. Minot et al. Genome Research (2011).

 

 

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Impfungen

Februar 2015

Impfungen für den Hund

Das Impfen ist ein stark diskutiertes Thema und oft prallen leidenschaftliche Behauptungen von Impfkritikern auf eine finanzstarke Lobby der Pharmaindustrie. Wir wollen hier auf die wichtigsten Argumente in dieser Diskussion eingehen und diese auch etwas erläutern.

Wenn Sie mit Ihrem Hund ins Ausland reisen wollen, benötigt Ihr Tier die jeweils vorgeschriebenen Impfungen und einen gültigen EU Heimtierausweis. Jedes Land und jede Veranstaltung hat etwas andere Anforderungen. Wenn Sie verreisen wollen, finden Sie auf der Seite Pets on Tour sehr viele gute Ratschläge. Was zum Beispiel allen Vorschriften in allen Ländern gemeinsam ist, ist eine gültige Tollwutimpfung und die Kennzeichnung Ihres Hundes per Mikrochip. Beides muss im blauen EU-Heimtierausweis dokumentiert sein. Einige Länder fordern eine jährliche Auffrischung, andere nur alle 5 Jahre. Deshalb ist es ratsam sich vorher eingehend zu informieren um vor bösen Überraschungen sicher zu sein. Wenn bei einem Hund ein Tollwutverdacht vorliegt und er nach den jeweiligen Bestimmungen keine gültige Tollwutimpfung hat, kann eine sofortige Tötung angeordnet werden. Eine Behandlung von erkrankten und verdächtigen Tieren ist gesetzlich verboten.

Bevor wir näher auf das komplexe Imfpgeschehen eingehen, kommt hier erstmal eine Übersicht der gängigen Impfungen die zur Verbeugung durchgeführt werden können. Man unterscheidet zwischen inaktiven und Lebendimpfstoffen. Lebendimpfstoffe enthalten den abgeschwächten Erreger, welcher zwar eine Immunantwort auslösen aber nicht zur Erkrankung führen kann. Inaktive Impfstoffe enthalten den getöteten Erreger oder Bestandteile von Viren oder Bakterien, welche dann die Immunantwort auslösen. Hunde werden in der Regel gegen folgende Krankheiten geimpft (alphabetische Reihenfolge):

datei-04-10-16-14-01-01

Borreliose – Infos über Borreliose 
Lyme-Borreliose Komplex (B), 8. + 12. Woche, optionale Auffrischung jährlich.
Komplex der Borrelia Bakterien umfasst weltweit 12 Spezies. Seit 2010 ist eine Impfung gegen die  Borrelien-Spezies B. afzelii und garinii erhältlich. Hier gibt es einen sehr guten Übersichtsartikel von Herrn Professor Friedrich, bei dem man die Schlussbemerkung beachten sollte.

Hepatitis  – Infos über Hepatitis beim Hund 
Canines Adenovirus (Hcc), 8. + 12. + 16. Woche, optionale Auffrischung jährlich.
Sehr wirksame Immunprophylaxe mit einem nah verwandten Virus, dem caninen Adenovirus 2 (CAV-2).

Leptospirose  – Infos über Leptospirose leptospirose
Leptospirose (L), 8. + 12. Woche, jährliche Auffrischung.
Inaktivierte Impfstoffe mit Leptospira interrogans, Serotyp canicola und Leptospira interrogans Serotyp icterohaemorrhagiae. Impfstoff schützt nicht vor den Serotypen (L. pomona, L. Grippotyphosa), die zurzeit die meisten Infektionen verursachen (1). Es gibt allein in der Spezies Leptospira interrogans über 250 verschiedene Serotypen (2). Die Leptospirose ist auf den Menschen übertragbar und eine meldepflichtige Krankheit. Im Jahr 2011 sind, laut Robert-Koch Institut, 51 Menschen in Deutschland daran erkrankt. Nach der Grundimmunisierung muss eine jährliche Wiederholungsimpfung durchgeführt werden.

Parvovirose – Infos über Parvovirose
Provovirus (P), 8. + 12. + 16. Woche, optionale Auffrischung jährlich.
Es gibt inaktivierte Vakzine und Lebendimpfstoffe. Erfolg der Grundimmunisierung hängt vor allem vom richtigen Zeitpunkt der Impfung ab. Siehe weiter unten „immunologische Lücke“. Für eine Wiederholungsimpfung kann der Parvovirusantikörper-Titer im Blut zur Entscheidung über die Notwendigkeit herangezogen werden.

Staupe – Infos über Staupe
Distemper (S), 8. + 12. + 16. Woche, optionale Auffrischung jährlich.wpid-10055
Es gibt verschiedene Impfstoffe, aber nur die Lebendimpfstoffe haben sich als wirksam erwiesen. Der Erfolg der Impfung und Grundimmunisierung hängt wie bei der Parvovirose vom richtigen Zeitpunkt der Impfung ab. Siehe weiter unten „immunologische Lücke“. Für eine Wiederholungsimpfung kann der Antikörper-Titer im Blut zur Entscheidung über die Notwendigkeit herangezogen werden.

Tollwut – Infos über Tollwut 
Rabies (T), 12. + 16. Woche, optionale Auffrischung jährlich.
Gegen die Tollwutviren sind nur inaktivierte Impfstoffe in Verbindung mit einem Adjuvans zugelassen. Sowohl bei Erstimmunisierungen, als auch bei Wiederholungsimpfungen gilt der Impfschutz für den Zeitraum, den der Impfstoffhersteller für eine Wiederholungsimpfung angibt. Eine Tollwutimpfung sollte möglichst als Einzelimpfung vorgenommen werden. Eine Auffrischimpfung mit einem Einzelimpfstoff erzielt einen besser nachweisbaren Tollwutantikörper-Titer im Blut.

Zwingerhusten – Infos über Zwingerhusten
Zwingerhustenkomplex, canine infektiöse Tracheobronchitis (PI), 8. + 12. Woche, optionale Auffrischung jährlich.
Für die Prophylaxe stehen Lebendimpfstoffe zur Verfügung, die Einzelkomponenten (Bordetella bronchiseptica) und auch Kombinationen enthalten können. Da die Impfung nicht das gesamte Erregerspektrum des Zwingerhustenkomplexes abdeckt und das Krankheitsgeschehen zudem von weitere Faktoren beeinflusst wird, bewirkt die Impfung keinen vollständigen Schutz. Die Impfung ist nur für Welpen unter intensiven Aufzuchtbedingungen, in Tierheimen und Tierpensionen zu empfehlen.
Außerdem gibt es noch einen kombinierten Impfstoff (BbPi), welcher aktiv gegen Bordetella bronchiseptica und das Canine Parainfluenza-Virus immunisiert. Dieser Impfstoff wird über die Nasenschleimhäute des Hundes verabreicht und ist zur Vorsorge bei kurzzeitig erhöhter Infektionsgefahr wie zum Beispiel vorübergehendem Aufenthalt in einem Zwinger oder einer Tierpension empfohlen.

Wer sich genauer informieren will, kann sich die Leitlinie zur Impfung von Kleintieren der ständigen Impfkommission im Bundesverband Praktizierender Tierärzte e.V. genauer anschauen:

Leitlinie zur Impfung von Kleintieren

leitlinie-2009

Hier geht’s zur Liste der zugelassenen Hundeimpfstoffe vom Paul-Ehrlich-Institut:  pe

Hundeimpfstoffe

wpid-10055Das Prinzip der Impfung anhand der Geschichte

Was eine Impfung ist, lässt sich anhand der Geschichte und am Beispiel der Pocken am einfachsten erklären.

Die Pocken, oder auch Blattern, waren eine gefährliche Viruskrankheit, die über Jahrtausende nicht zu heilen war, wirkungsvolle Vorbeugungsmaßnahmen gab es auch nicht, und an der etwa 30% aller infizierten Menschen starben. Im Jahre 1794 machte sich Edward Jenner ein uraltes Wissen zu Nutze, nach dem einmal von den Pocken genesene Menschen nie mehr an dieser Krankheit litten. Jenner benutzte zum Immunisieren die für den Menschen relativ ungefährlichen und nahe verwandten Kuhpocken.

Was beim Immunisieren passiert, ist im Grunde ein „scharfmachen“ vom körpereigenen Immunsystem. Man zeigt dem Immunsystem den Eindringling und der Organismus bildet Antikörper dagegen. In dem Beispiel hat Jenner dies anhand der relativ ungefährlichen Kuhpocken getan.

Hier zeigt sich auch schon die Problematik der Impfung: Man braucht etwas relativ ungefährliches, das man dem Immunsystem zeigen kann, aber das auch ähnlich genug mit dem gefährlichen Erreger ist, um diesen effektiv zu erkennen und unschädlich zu machen.

Dies lässt sich auch wieder gut anhand der Pocken zeigen. So ist eine Impfung mit dem Kuhpockenerreger zwar relativ ungefährlich, aber trotzdem sterben etwa zwei Menschen pro einer Million Geimpfter an den Kuhpocken. Dies erscheint wenig angesichts der Schwere der Erkrankung, aber für diese zwei Menschen und deren Familien ist dies natürlich unerheblich.

So stellt und stellte sich immer wieder die Frage der Gefahr einer Impfung im Kontext zur Gefahr einer Erkrankung. Hinzu kommt: Je höher der Prozentsatz der Geimpften ist, um so geringer ist das Risiko eines Einzelnen an der Krankheit zu erkranken.

Zusammenfassend kann man sagen, dass diejenigen, die das Risiko der Impfung auf sich nehmen, nicht nur gegen die Krankheit relativ gut geschützt sind, sondern auch diejenigen schützen, die das Risiko einer Impfung nicht auf sich nehmen wollen oder dazu keine Möglichkeit haben.

Das Impfrisiko und seine Bedeutung

Anhand der Kuhpocken und der Pocken kann man erkennen, dass die Frage des Risikos immer eine statistische Abwägung ist. Solange die Pocken überall verbreitet waren und alle Menschen direkt bedroht haben, war eine Impfung aller Menschen sicher wichtig. Seit die Pocken aber fast ausgerottet worden sind, konnte man in den 1970er Jahren die Impfpflicht aufheben, da das Impfrisiko bei weitem über der Gefahr einer Erkrankung lag.

Es wird zwischen LebendimfstoffenTotimpfstoffen und Adjuvanzien unterschieden. In der Immunologie werden Adjuvanzien eingesetzt, um die Immunantwort auf eine verabreichte Substanz zu steigern. Man braucht also beim Einsatz eines Adjuvans weniger vom Erreger oder sogar nur einzelne Zellwandproteine von diesem, um eine Immunantwort zu erreichen.

All diese verschiedenen Möglichkeiten haben ihre ganz spezifischen Risiken und Vorteile. Da man nicht in die Zukunft schauen kann, wie sich Krankheitserreger und deren Pathogenität entwickeln, kann jede einzelne Impfung nur eine Abwägung vom Risiko und Nutzen sein. Hilfreich bei dieser Abwägung ist erst einmal zu wissen, wie gefährlich eine Krankheit ist und ob man überhaupt impfen kann. Wenn man impfen kann, sollte man schauen, in welcher Form geimpft wird. Gegen welchen Erreger wird geimpft? Bei der Borreliose gibt es zum Beispiel 12 Spezies. Nützt es mir den Hund gegen nur eine Spezies davon zu impfen? Wem nützt es einen Hund gegen einen einzelnen Stamm aus dem Zwingerhustenkomplex zu impfen?

Des Weiteren sollte man auch beim Impfschutz die Möglichkeiten und Unterschiede von Grundimmunisierung, Auffrischimpfungen, die „Immunologische Lücke“ und die Antikörper-Titerbestimmung im Blut in betracht ziehen. Hierauf wollen wir im nächsten Kapitel eingehen.

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Die Grundimmunisierung, der Impfschutz und die „immunologische Lücke“

Wie schon oben erwähnt, sagt man bei einer Impfung dem Immunsystem was es bekämpfen soll. Das Immunsystem produziert daraufhin Antikörper und der Körper macht sich bereit, alles was genauso aussieht zu bekämpfen.

Der Welpe hat zum Zeitpunkt seiner Geburt bereits ein voll entwickeltes Immunsystem, aber die Antikörper sind noch von seiner Mutter. Nach der Geburt werden weitere Antikörper mit der Muttermilch aufgenommen. Diese maternellen Antikörper werden nach und nach abgebaut und diese Restmenge an mütterlichen Antikörpern kann die Impfung stören. Diese kritische Phase wird als „immunologisch Lücke“ bezeichnet. Deshalb steht auch auf den Beipackzetteln für Staupe-, Hepatitis-, Leptospirose- und Parvovirose-Impfstoffen: “Der Impfplan muss die beim Welpen vorhandenen, kolostral vermittelten maternalen Antikörper berücksichtigen”.

Der richtige Zeitpunkt zum Impfen ist also erst nachdem alle mütterlichen Antikörper abgebaut sind. Durch eine Antikörper-Titerbestimmung im Blut läßt sich der optimale Impfzeitpunkt und auch der Erfolg der Impfung nachweisen.

Wegen der unterschiedlichen Zusammensetzung der Impfstoffe sollten die Impfstoffe vom gleichen Hersteller sein. Die Dauer des Impfschutzes nach erfolgreicher Grundimmunisierung ist unterschiedlich. Bei Viruskrankheiten wie Staupe, Hepatitis und Parvovirose kann man von mindestens 7 Jahren ausgehen. Bei Tollwut sollte man, auch wegen gesetzlichen Vorgaben, unter vier Jahren bleiben. Wenn man sich nicht sicher ist, kann man den Antikörper-Titer bestimmen lassen.

Hier soll noch erwähnt werden, dass neben der „immunologischen Lücke“ auch Stress oder Krankheit den Impferfolg beeinträchtigen können.

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Gefahren der Impfung

Heute bestreitet niemand mehr, dass es Impfschäden gibt. Gerade die früher viel zu häufig durchgeführte Tollwutimpfung kann zu einigen gesundheitlichen Problemen führen. In Deutschland gibt es eigentlich nur vier wichtige Impfungen für den Hund. Dies sind

  • Staupe (S)
  • Hepatitis (Hcc)
  • Parvovirose (P)
  • Tollwut (T)

Je nach persönlichem Risiko, zum Beispiel wenn der Hund gern aus Pfützen trinkt, ist auch die Impfung gegen Leptospirose empfehlenswert. Fragen Sie hierzu Ihren Tierarzt.

Falls man nicht ins Ausland reisen will, könnte für Staupe, Hepatitis und Parvovirose eine erfolgreiche Grundimmunisierung ausreichen. Wobei man darauf achten sollte, ob die Grundimmunisierung (Bluttest) auch erfolgreich war.

Bei der Tollwutimpfung wird es etwas komplizierter, da man unbedingt die gesetzlichen Vorgaben erfüllen sollte. Die Vorgaben in Deutschland sind heute eine Grundimmunisierung und eine Auffrischung, die der Impfstoffhersteller für die jeweilige Wiederholungsimpfung angibt. Hier kann man sich einen Impfstoff aussuchen, der nur alle drei oder vier Jahre aufgefrischt werden muss. Gerade kleine Hunde oder Hunde mit Autoimmunkrankheiten können aber durch wiederholte Tollwutimpfungen Schaden erleiden. Wenn Sie sich wegen Vorerkrankungen oder aus anderen Gründen Sorgen um Ihren Hund machen, lassen Sie regelmäßig den Antikörper-Titer bestimmen. Dieser wird mit dem „Fluorescent Antibody Virus Neutralization (FAVN) Test“ bestimmt und sollte über 0,5 IU/ml liegen. Bitte beachten Sie, dass Sie aber auch hierfür eine erfolgreiche Grundimmunisierung benötigen. Die Titerbestimmung können Sie in Ihren Heimtierausweis legen und haben für den Fall der Fälle eine sehr gute Argumentationshilfe.

Lassen Sie sich nicht verrückt machen. Es gibt sicher Hunde, die an Impfungen gestorben sind. Es gibt aber sehr viel mehr Hunde, die an vermeidbaren Krankheiten verendet sind. Nun haben Sie das nötige Wissen selbst zu entscheiden.

Wer gerne zusätzliche Infos will, hat oder gerne darüber diskutiert, der ist in meinem Forum willkommen: http://www.dr-nepomuk.de/forum/

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1. Prevalence of the Leptospira serovars bratislava, grippotyphosa, mozdok and pomona in French dogs. Claire Renaud et. al., The Veterinary Journal 196 (2013).

2. Leptospirosis. Center for Food Security and Public Health. College of Veterinary Medicine Iowa State University. (2005)

 

Text und Fotos dürfen unter den Bedingungen der Creative Commons Attribution Share-Alike license (CC-BY-SA) gerne ganz oder teilweise kopiert und zitiert werden.